27/9  Einspruch, Herr Bode!

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:30

Das war nun wirklich das Thema, das die Schweiz an diesem Sonntag im Innersten bewegte: „Am besten gefällt mir mein Bauch“ – so wird die neue Miss Schweiz auf der stärksten Zeitung der Schweiz zitiert, die halbe Titelseite füllt das Zitat aus und ich gebe zu, ich war erfreut, als ich das las, denn ich dachte, endlich bricht eine der Missen aus dem nervtötenden Schlankheitswahn aus und bekennt sich lustvoll zu ihren Bauch und seiner sanft geschwungenen Form… es gibt also noch Hoffnung für alle, die sich noch nicht krankgehungert haben und sich doch auch schön fühlen möchten!

Die Ernüchterung folgte auf dem Fuss, als ich im Innern des Blattes den ganzen Text las: „…weil ich ihn gut trainiere, damit er flach bleibt.“ Immerhin: Trainieren ist besser als Hungern. – Die zweite Zeitung, die am Sonntag in meinem Briefkasten liegt, brachte als Sonntagsgespräch ein ausführliches Interview mit dem früheren Umwelt- und jetzigen Ernährungs-Aktivisten Thilo Bode, dem Begründer von Foodwatch und unerschrockenen Kämpfer für gesunde Ernährung und gegen Missstände bei der Lebensmittelproduktion.

Seine Ausführungen sind wie immer polemisch zugespitzt und lesenswert, auch wenn sie in der einen oder anderen Form bereits bekannt sind. Bei einer der Antworten habe ich allerdings gestutzt. Der Journalist fragt Bode, ob er denn mit seiner Forderung nach mehr Regulierung und staatlicher Aufsicht für eine „Nahrungsplanwirtschaft“ wie in der alten DDR eintrete? Bodes Antwort ist deutlich, aber auch missverständlich: „Wir brauchen keine Planwirtschaft, sondern eine Marktwirtschaft, die dem Menschen dient. Wir können nun mal nicht mehr essen, als wir brauchen, das ist eine natürliche Wachstumsgrenze.“

Bode meint: Weil der Lebensmittelmarkt grundsätzlich gesättigt ist und keine neuen Grundnahrungsmittel hergestellt werden können, versuchen sich die Konzerne dadurch gegenseitig zu überbieten, dass sie „Zusatznutzen“ in die Nahrung einfügen: das simple Joghurt wird zur Wellness-Medizin umfunktioniert, Kinder-Süssigkeiten werden als „gesund“ dargestellt, die Heilsversprechungen suchen sich gegenseitig zu übertrumpfen. Vor dieser Kulisse hat Bode recht, wenn er sagt, dass gerade in den westlichen Ländern die Aufnahmegrenze für den Konsum erreicht ist.

Und trotzdem ist die Aussage verfänglich, weil das tiefgreifende Problem ja gerade darin besteht, dass der Mensch sehr wohl „mehr essen“ kann „als er braucht“: dieses „Mehr“, das ihm von der konkurrierenden Food-Industrie hemmungslos untergejubelt wird, setzt sich an seinem Bauch, seinen Hüften fest und ist eine der wesentlichen Ursachen für die nach wie vor anhaltende weltweite Adipositas-Pandemie. – In einem andern Punkt hat Bode leider mehr als Recht: er sagt, es sei nicht sein Ziel, den Menschen zu verändern, denn das sei faktisch gar nicht zu bewerkstelligen. Aber es müsse alles unternommen werden, um die Verhältnisse, die das Leben der Menschen bestimmen, so zu verändern, dass sie dem Menschen dienlich sind.