7/1  Doktor Unerbittlich

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 15:59

TV als Abschreckungsmittel. Über die Festtage hatte der deutsche Sender TLC (The Learning Channel) in gnadenloser Konsequenz während zwei Tagen praktisch rund um die Uhr seine Serie „Mein Leben mit 300 Kilo“ programmiert: ein durchwegs schockierender Appell an die Ernährungs-Vernunft mit der impliziten Empfehlung, das feiertägliche Schlemmen im Zaum zu halten.

In diesen Doku-Sendungen wird ein massiv übergewichtiger Mensch in USA während eines ganzen Jahres mit der Kamera begleitet in seinem Kampf gegen den eigenen Körper und die allgegenwärtige, übermächtige Fresslust, mit der viel persönliches Ungemach kompensiert wird. Inzwischen gibt es 93 Ausgaben à rund anderthalb Stunden – genug Material also, um fast eine volle Woche durchzusenden.

Alle Sendungen sind nach dem gleichen Muster aufgebaut: zuerst wird die betroffene Person – es sind zumeist Frauen in jüngeren Jahren – in ihrem privaten Umfeld porträtiert und so ihr Wunsch nach Veränderung dargelegt. Als einziger Ausweg zeigt sich ein operativer Eingriff, wie er in einer spezialisierten Klinik in Texas vorgenommen wird: ein Magenbypass oder ein Schlauchmagen. Das ist die letzte Hoffnung.

Diese ultimative Hoffnung wird verkörpert durch den iranisch-amerikanischen Arzt Dr. Younan Nowzaradan, von seinen PatientInnen „Dr. Now“ genannt. Der ist Chirurg und von einer unerbittlichen Strenge: steht jemand im Spital mit über 300 Kilo auf der Waage, wird er zunächst einmal zusammengestaucht wegen seines unkontrollierten und oft nicht eingestandenen Essverhaltens. Um sich für eine OP überhaupt zu qualifizieren, müssen die PatientInnen innerhalb von zwei Monaten rund 40 Kilo abspecken. Dazu erhalten sie strikte Diät-Vorgaben: nicht mehr als 1’200 Kalorien täglich und praktisch keine Kohlenhydrate, vor allem keinen Zucker.

Die wenigsten schaffen es auf Anhieb. Sie stellen ihre Ernährung nur zögerlich um, werden rückfällig mit Fress-Attacken und Fastfood… was beim zweiten Klinik-Termin zu erneuten Zurechtweisungen führt: wenn das Ziel in einem nächsten Anlauf nicht erreicht wird, gibt es keine OP und ein baldiges Ableben ist gewiss..!

„Dr. Now“ macht alles, was aus hiesiger Sicht verpönt ist: er bezichtigt seine PatientInnen der Lüge, macht ihnen ein schlechtes Gewissen, schimpft sie aus und droht ihnen mit dem vorzeitigen Ableben – aber es scheint zu wirken. In den allermeisten Fällen klappt es mit dem vorbereitenden Abnehmen dann doch noch, der „Gute Wille“ wird anerkannt, die Operation ausgeführt und die Kilos purzeln. Aber damit hört dann die Beobachtung durch das Kamerateam (die Produktionsfirma gehört übrigens dem Sohn von Dr. Now) auch auf. Wir erfahren nichts mehr über das weitere Schicksal und vor allem nichts über die Langzeit-Entwicklung im Einzelfall: Können die Leute ihr neue Gewicht halten? Wie steht es mit der Nachbetreuung (die wird völlig ausgeblendet)? Welchen Einfluss hat der Gewichtsverlust auf die Partnerschaften?

Vielleicht gibt es solche Informationen in einer nächsten, späteren Staffel. Denn das „Material“ wird dem unerbittlichen Dr. Now nicht ausgehen.


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