10/8  Die gelbe Pest

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 17:54

Über Nacht waren sie da. Überall. Die silbrig-gelben Dinger, die man von ferne für gute alte Pöstler-Velos halten mochte… Rudelweise standen sie bei den Bahnhöfen, an Fahrrad-Abstellplätzen, vor Warenhäusern… Und bald waren sie auch in den Schlagzeilen. Die Mietvelos aus Schanghai, oBikes genannt, mit einer App auszulösen für CHF 1.50 pro halbe Stunde. Ich habe noch keines ausprobiert. Offenbar muss man zuerst einen Geldbetrag überweisen, als „Guthaben“ gewissermassen, von dem dann die Benutzungsgebühren abgebucht werden.

Nicht, dass ich etwas gegen Velos hätte. Ich bin mit Zweirädern aufgewachsen, habe mir als Knirps per Laubsäge, Besenstiel und Holzscheiben ein improvisiertes Dreirad selber gebastelt, bin beim Vater auf der Rahmenstange sitzend mitgefahren und habe gelernt, wie man „quer“ in die Pedale beim Herrenvelo treten kann, wenn man zu kurze Beine hat, um auf dem Sattel zu sitzen (eine Technik, die heute wahrscheinlich verboten ist und unweigerlich die KESB auf den Plan rufen würde oder die Polizei). Meine Tanzstunden-Partnerin habe ich auf dem Gepäckträger nach Hause chauffiert und aus einem schweren alten Raleigh-Modell (mit Brems-Gestänge und Kettenkasten) habe ich mir mit aufgeschweisster Verstärkung und schwarzer Farbe eine Art Panzer-Velo namens „Centurion“ konstruiert, sogar mit einem Tarnlicht-Scheinwerfer…

Ohne meinen Flyer hätte ich meine „schwerste Zeit“ mit den 180 Kilo nicht überstanden, er war mein Transportmittel für alle Strecken zwischen 20 und 1’000 Metern, von der Haustür bis zur Tramstation, ins Büro oder zum Einkauf auf den Marktplatz…

Aber die neuen China-Bikes irritieren mich: sie wirken klobig mit ihren Vollgummireifen, dem einen und einzigen „Gang“, den rudimentären Kotflügeln und einer Fertigung, die an billige Kindervelos erinnert. 900 Stück sollen es bereits in Zürich sein, weitere Städte stehen auf der Wunschliste der Anbieter.

Digitale Hightech macht es möglich, die Zweirad-Flotte aus der „Cloud“ zu überwachen, aber letztlich handelt es sich um herrenlose Gegenstände, für die niemand Verantwortung tragen muss. Man kann sie anonym nutzen und irgendwo wieder stehen lassen. Wie weit die zwei Personen, die sich offenbar um die stadtweite Instandhaltung kümmern sollen, ihre Aufgabe erfüllen können, muss sich im Verlauf der Zeit erweisen.

Ob sich die gelbe Offensive für die weitere Entwicklung des – an sich höchst begrüssenswerten – Velo-Verkehrs in unseren Städten positiv auswirken wird, bleibt abzuwarten. Auf persönliche Erfahrungen von BenutzerInnen darf man gespannt sein.

Gibt es schon welche?




9/8  Ganz schön schön…

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 21:33

Diesmal bin ich dran geblieben. Weil das Thema auch „unser“ Thema war und ist. Es kommt nicht häufig vor, dass ich mir die Sendung „DER CLUB“ integral anschaue, obwoh Urs Gredig sich als Glanzpunkt in der Gesprächsführung entpuppt hat und man seinen Wechsel weg von SRF nur bedauern kann. Aber diesmal war ich gespannt, wie die Runde mit der heiklen Thematik umgeht. Es ging um den Mythos vom „schönen Körper“ und um das Problem des „Body Shaming“, von dem hier auch schon die Rede war.

Ebenso gespannt war ich, ob wohl jemand aus „unserer Fakultät“ aus Betroffenen-Sicht reden würde. Aber eine schwer übergewichtige Person, die ihr Leben lang gegen die verächtlichen Vorurteile zu kämpfen hatte, war nicht in der Runde. (Erst nachträglich hat sich herausgestellt, dass jemand zwar angefragt wurde, aus Termingründen jedoch nicht mitmachen konnte.)

So blieben die „Schönen“ unter sich: junge Frauen (Anja Zeidler und Milo Moiré), welche Schönsein als ihren Beruf gewählt hatten, der Fitness-Guru Werner Kieser (der als einziger auf die unausgewogene Zusammensetzung der Runde hingewiesen hatte) und die debattierende Allzweckwaffe Regula Stämpfli, die ausser ihrer eigenen Ansicht keine andere Meinung gelten lassen wollte. Zum Glück war da noch die geerdete Ärztin und plastische Chirurgin Cynthia Wolfensberger, die immer wieder die handfesten, praktischen Aspekte des aktuelloen Schönheitswahns und des Umgangs damit einbrachte.

Besonders gefallen hat mir Morena Diaz, Lehrerein und Bloggerin in der „Body-Positivity“-Bewegung. Sie hatte sich lang um einen „idealen“ Body bemüht, um sich dann schliesslich zu ihrem Körper zu bekennen, so wie er ist. „Sie steht zu ihren Speckröllchen“ schreibt die Presse über sie. Wobei der Akzent auf dem „-chen“ liegt: es ist eben keine richtige Fett-Rolle, es sind hübsche, appetitliche Röllchen, die sie auf den Bildern zeigt, welche sie von sich postet. Umso mehr betrifft und beschämt einen, was für Beleidigungen und Hass-Botschaften sie dafür einstecken musste!

Dieser Diskurs hat die Sendung sehenswert gemacht, endend im gemeinsamen Appell, wer nicht der vermeintlichen „Norm“ entspricht, solle versuchen, sein Selbstbewusstsein zu fördern, sich selber mit all den Stärken anzunehmen, die man bekommen hat, und nicht einem „fremden und falschen“ Ideal nachzueifern, das in den meisten Fällen in eine Katastrophe führt. – Trotzdem, das wurde auch gesagt, gibt es den medizinisch-gesundheitlichen Aspekt, der nicht vergessen werden darf. Aber das ist ein anderes Thema.




8/8  Alles Saft – oder was?

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 17:29

Die Alten waren ausgebüxt. Fort aus der luxuriösen Residenz, um eine eigene Alters-WG zu gründen. Eine der Hauptursachen für diese Flucht war die überaus tüchtige, resolute Heimleiterin, die eine neue Köchin engagiert hatte, die wiederum ihr ganzes Können darauf verwendete, die „alten Leutchen“ zu verwöhnen, indem sie ämtliche Speisen, die auf den Tisch kamen, fein säuberlich pürierte, um dann aus der Pampe wieder Strukturen zu formen, die aussahen wie der ursprüngliche Rohstoff… Aus zermanschtem Schweinefleisch wurden  auf den Tellern mit entsprechenden Förmchen putzig rosarote Säulein geformt…

An diese hintergründige TV-Filmkömodie musste ich heute denken, als ich über die Sache mit den Fleisch-Smolothies las: da kam doch tatsächlich ein Metzger auf die Idee, aus Gemüse und Fleisch – Poulet oder Rind – einen Smoothy-Drink herzustellen! Da muss man sich schon die Finger wund schreiben, um den Leuten klar zu machen, dass Fruchtsäfte und Smoothies zwar gut schmecken können, dass sie aber ernährungsphysiologisch weit weniger gut zu beurteilen sind als ihr Ausgangsprodukt, die Frucht und das Gemüse. Und dass sie vor allem zu viele Kalorien enthalten im Vergleich zu ihrem eingeschränkten Sättigungs-Effekt.

Und jetzt sollen also auch noch das Pouletbeinchen, das leckere Spare-Rib und das Kotelett „verflüssigt“ werden!?

Da lobe ich mir doch die Astronauten-Kost aus der Tube: sie wurde erfunden, damit die Pioniere in der Schwerelosigkeit des Alls bequem und vor allem sicher futtern konnten. Nach Jahren der Tubennahrung ist man davon wieder abgekommen und hat Spitzenköche verpflichtet, die eigens auserlesene Menüs komponierten, die dann aus speziellen Büchsen verkostet werden konnten… Und nun soll also der stressgeplagte Mensch in seiner zu kurzen Mittagspause sein Menü in ein, zwei Schlucken hinunterspülen?

Zu Recht sind die konsultierten Gastro-Fachleute skeptisch. Die Smoothy-Phase können wir getrost überspringen und darauf warten, dass jemand auf die noch genialere Idee kommt, man könnte doch ganze Mahlzeiten zu einer Pille komprimieren, die sich dann problemlos überall und jederzeit schnell schlucken liesse…




26/7  Julie und das Chocolarium

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 15:19

Kitschiger geht es wohl nicht. Das dachten wir, als vor einigen Jahren der Film „Charlie und die Schokoladefabrik“ in die Kinos kam. Kunterbunte Süssigkeiten quollen über die Leinwand und eine turbulente Story involvierte eine entfesselte Kinderschar, die ein veritables Bad in jeder erdenklichen Form von Schokolade-Produkten nahm…

Bis zum letzten Sonntag. Da besuchten wir mit unserer Enkelin das Schoko-Museum „Chocolarium“ in Flawil, das vor wenigen Monaten eröffnet wurde: attraktiver Anziehungspunkt und geniales Marketing-Instrument der Firma Maestrani. „Wie das Glück in die Schokolade kommt“ lautet das Leitmotiv der Präsentation, und diese ist selber so aufgemacht, als wäre sie ein Kinofilm: durch einen nachgebauten Kino-Eingang im American-Style geht es zunächst in einen Projektionsraum, wo man auf Sitzpolstern Platz nimmt, die aussehen wir überdimensionierte, glänzend braune Schokolade-Täfelchen. Ein kurzer Dokumentarfilm rekapituliert die Firmengeschichte, dann geht es auf einen Rundgang, in stetem Wechsel zwischen interaktiven Präsentationen in bester didaktischer Aufmachung, für Kinder und Erwachsene, und verglasten Wandelgängen, aus denen man hinunter blicken kann in die Produktionshallen der Fabrik mit ihren industriellen Fertigungsanlagen, während oben auf Bildschirmen in animierten Grafiken die einzelnen Arbeitsschritte im jeweiligen Bereich gezeigt und erläutert werden.

Den absoluten Schlaraffen-Traum verkörpern auf diesem Rundgang unter der Hallendecke die kleinen Automaten-Boxen, die aussehen wie schmale „einarmige Banditen“ – auch sie über das Glücksspiel mit Bezug zum „Glück“ – aber sie kassieren nichts ein, sie spucken aus: zieht man kurz am seitlich angebrachten Hebel, purzeln unten in die Schale, in der sonst die gewonnen Münzen klingeln, frisch gebrochene Schokolade-Stückchen… für jede Tafel-Sorte gibt es einen eigenen „Automaten“, bei dem man sich im Vorübergehen bedienen kann – so oft man mag.

Dann kommt die Abteilung, in der man seine eigene Schokoladetafel „kreieren“ kann: wer ein entsprechendes Ticket gelöst hat, bekommt eine kleine Plastic-Wanne mit flüssiger Schokolade; darauf kann man dann aus einer Fülle von süssen, fruchtigen oder nussigen Zutaten ein eigenes Muster nach Belieben streuen… das so verzierte Gebilde wird in einen Kühlturm eingeführt, wo das weiche Schoko-Bett erstarrt und sich mit der persönlichen Verzierung verbindet, zu einem leckeren Unikat.

Den Abschluss des Rundgangs bildet ein opulenter „Shop“ in Form eines Selbstbedienungsladens, wo man von sämtlichen Produkten, die in der Fabrik hergestellt werden, engros einkaufen kann. Und auch hier wird der Kunde fachgerecht verführt, indem bei jedem Regal und bei jedem Angebot eine Schale angebracht ist, aus der man das betreffende Produkt nach Lust und Laune degustieren kann.

Unsere Enkelin fühlte sich im Paradies. Und nicht nur sie. An den ersten drei Automaten war ich noch asketisch und konsumfrei vorbeigekommen, mit dem festen Vorsatz, mir trotz der Versuchung nichts zuschulden kommen zu lassen. Aber dann waren da die drei Brunnen mit der flüssigen Schokolade, weiss, braun und dunkel, die mit einem  Plastik-Löffelchen aufgefangen werden konnte. Nur ein einziges Mal davon naschen… – Aber es war, als hätte dieses einzige Mal sämtliche guten Vorsätze weggesprengt: Von da an kam ich an keinem der folgenden Automaten ungeschoren vorbei…

Ein Besuch in Flawil ist auch dann empfehlenswert, wenn man nicht auf Süsses verzichten sollte. Denn wo sonst kriegt man für so wenig Geld so viel Glück?




21/7  Gruss aus Singapur

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 15:43

Es ist Sommer und im Büro nicht viel los. Da freut man sich über jede Abwechslung. Auf dem Telefondisplay erscheint eine lange Nummer, sie muss ausländisch sein. Man ist gespannt und nimmt nicht ohne Vorfreude ab.

Am Draht ist ein Mann. Er spricht englisch mit fremdländischem Akzent und fragt, ob er mit Mr. Einrich reden könne. Als ich ihm sage, das sei ich selber, erklärte er, er mache eine Umfrage im Auftrag eines City-Newspapers (soviel ich verstanden hatte). Im Hintergrund plapperten vielfältige Stimmen eines Callcenters. Dann wollte er wissen, wie alt ich sei, ob ich eine Liegenschaft besitze, ob ich zur oberen oder zur unteren Mittelschicht gehöre und ob ich mich in Gelddingen beraten lasse oder nicht… Die Frage, die ihn am meisten beschäftigte war die, ob ich glaube, dass in meiner Region die Armut in den letzten 12 Monaten zugenommen oder abgenommen hätte. Als ich ihm erklärte, das wüsste ich nicht, da mir entsprechende Erkenntnisse fehlten, insistierte er weiterhin, bis ich das Gespräch abbrach, weil mein Handy klingelte.

Vorher hatte ich ihn noch gefragt, um was es denn nun effektiv ginge? Ob er mir etwas verkaufen wolle, mich dazu bringen, einen Vertrag zu unterschreiben oder was? Und er schwor mir bei allem, was ihm heilig sei, dass ich nie mehr etwas von ihm hören würde, wenn ich ihm noch die letzten Fragen beantworten würde, nur noch eine Minute lang…

Der Mann hörte sich an wie Rajesh („Raj“) Koothappali in der Serie „The Big Bang Theory“, weshalb ich bei einer Frage sagte, ich sehe nicht ein, was meine privaten Besitzverhältnisse die Menschen in Indien oder am Hindukusch angehen könnten… worauf er eindringlich darlegte, dass seine Firma ihren Sitz in Singapur habe und nicht in Indien!

Ich hatte noch keine 10 Minuten aufgelegt, als eine ähnliche Nummer im Display erschien. Es war derselbe Mann. Er sagte, er wolle mir nur noch eine einzige Frage stellen. Das wegen der Armut. Ob er mich korrekt verstanden habe, dass ich ihm nicht genau sagen könne, ob die Armut in meiner Region zu- oder abgenommen habe? – Jetzt dämmerte mir, es könnte sich bei diesem Anrufer tatsächlich um einen dieser gefakten Umfrager handeln, welche im Gespräch am Telefon ein klares „Ja“ hören und aufnehmen wollen, mit dem sie dann später einen „Vertrag“ begründen können, den man telefonisch abgeschlossen haben solle… Und ich sagte ihm, er könne so lange fragen, wie er wolle, von mir höre er nichts mehr. Und wenn es ihm oder seinen Auftraggebern einfallen sollte, mich weiterhin in irgendeiner Form zu belästigen, würde ich gerichtlich gegen sie vorgehen… Zum Abschluss sprach ich ihm allerdings mein Mitgefühl dafür aus, dass er sein Brot am Hindukusch mit einem so miesen Job verdienen musste. Ob er daraufhin noch etwas gesagt hat, habe ich nicht mehr mitbekommen.

Aber die Geschichte hat mir doch den Nachmittag verkürzt…

 




19/7  Dicke Gurke

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 17:53

Wenn es warm wird. Dann kommt die Sauregurkezeit. Das heisst: Medien wärmen Themen auf, die eigntlich keine sind (früher plünderte man zudem das Stehsatz-Archiv, aber das ist durch die Digitalisierung universell obsolet geworden).

In unserem Fall verhält es sich zwiespältig. Das Thema ist eigentlich bedeutsam, wenn man sich dafür interessiert, aber es ist nicht (mehr) aktuell: es tauchte vor einem halben Jahr, anfang Februar 2017, in den englischsprachigen Medien auf aber wurde damals hierzulande kaum beachtet. Nun hat es also die Wärme ins abendliche Gratisblatt gespült.

Es geht um ein junges Paar in Indiana, US. Lexi und ihr Mann Danny Reed brachten zusammen weit über 300 Kilo auf die Waage, Lexi allein wog gegen 230 Kilo. Als sie realisierten, welche Gefahren für ihre Gesundheit das Gewicht mit sich brachte, beschlossen sie, ihre Lebensgewohnheiten gemeinsam radikal zu verändern. Assen sie vorher bis zu 8’000 Kalorien pro Tag, schränkten sie ihre Mahlzeiten ein und begannen intensivst zu trainieren. Innerhalb eines Jahres nahm Lexi so 130 Kilo ab, Danny brachte es auf 40. Seither haben sie ein neues Leben.

Nun wollen sie der Welt zeigen, dass es möglich ist, aus eigenem Antrieb und ohne medizinische Hilfe oder die Unterstützung durch einen Coach zu einem „normalen“ Gewicht zu finden. In verschiedenen Foren und auf Sozialen Medien kommunizieren sie ihren Erfolg. Sie möchten andere Menschen ermutigen, den Kampf gegen das allzuviele Gewicht aufzunehmen. Sie trainiern weiterhin und begnügen sich mit 1’500 Kalorien am Tag.

Wenn es ihnen gelingt, die neue Lebensweise konsequent durchzuhalten, sind sie auf dem richtigen Weg. Sie sind jung (Lexi ist 24), ihr Körper konnte sich an die neue Situation anpassen… wir drücken ihnen die Daumen und freuen uns für sie. Dass die alte Meldung sommerlich aufgefrischt wurde, tut ihrem überwältigenden Erfolg keinen Abbruch.




18/7  CO2-Management

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 16:16

Rette die Welt – iss weniger Fleisch. So simpel ist die Zusammenfassung einer Studie, die Experten an der Schwedischen Universität Lund und in Britisch Columbien in Kanada erstellt haben. Sie haben die verschiedenen Methoden, die zu einer Reduktion des weltweiten CO2-Ausstosses führen können, miteinander verglichen bezüglich ihrer Wirksamkeit.

Die dabei ermittelten Werte sind eindrücklich. Aber welche Regierung würde so weit gehen, um ihrer Bevölkerung solche Massnahmen aufzuzwingen? – Wir sind ja schon mächtig stolz, dass wir es fertiggebracht haben, mit dem Verbot der „Raschelsäcklein“ in Migros und Coop deren Verbrauch um 80 Prozent zu reduzieren! Die Studie macht allerdings klar: ein Jahr lang auf Plasticsäcke zu verzichten bringt nur 1 winziges Prozent der Wirkung, die durch den Verzicht auf Fleisch während eines Jahres erzielt werden könnte!

Der Verzicht auf ein weiteres Kind bedeutet im Mittel der zivilisierten Länder die Einsparung von 58,8 Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr, der Verzicht aufs eigene Auto bringt 2,4 Tonnen CO2-Äquivalent, der Verzicht aufs Fliegen macht 1,6 Tonnen aus und eine pflanzliche Ernährung, statt Fleisch, würde pro Jahr 0,8 Tonnen einsparen!

Dies wäre also um ein Vielfaches wirkungsvoller als die meisten der zurzeit staatlich geplanten Massnahmen zur Reduktion des CO2-Ausstosses in den entwickelten Ländern. Diese beschränken sich oft auf marginale Lösungen wie konsequenteres Recycling und die Verwendung neuer Glühbirnen… Dadurch werde das Problem des Klimawandels offiziell verharmlost, weil der Eindruck vermittelt wird, er liesse sich durch so unbedeutende Massnahmen verhindern.

Wenn das global vereinbarte Ziel darin besteht, pro Kopf und Jahr bis im 2050 nicht mehr als 2,1 Tonnen CO2-Äquivalent zu verbrauchen, dann muss man davon ausgehen, dass jemand, der regelmässig Fleisch isst und einmal pro Jahr eine längere Flugreise unternimmt, seinen „Kredit“ bereits überzogen hat.

Entsprechende politische Entscheide seien nicht populär, räumen die Experten ein. Aber es gelte, Trends, die sich heute schon abzeichnen, wie etwa die vermehrte „flexitarische“ Ernährung (d.h. einen Wechsel zwischen Fleisch und vegetarisch) oder der Vormarsch der veganen Bewegung, zu unterstützen und zu verstärken, damit die Millenniumsziele im Klimaschutz überhaupt erreicht werden können. – Bei uns hat man immer noch den Eindruck, Fleisch sei das allereinzigste Nahrungsmittel, das Herr und Frau Schweizer zum Überleben und zum Glücklichsein brauchen. Der Bund subventoniert die Fleischwerbung mit unseren Steuergeldern.




17/7  Gesunde Aktion

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 16:11

Seit 9 Jahren gibt es sie: die actionsanté. Das ist die Plattform, auf der Angebote im Ernährungs- und Bewegungsbereich präsentiert werden, in denen sich Hersteller freiwillig verpflichten, bei ihren Produkten gesundheitsförderliche Massnahmen zu treffen. Im Vordergrund stehen bestimmte Lebensmittel: Backwaren mit weniger Salz machten den Anfang, dann kamen Joghurts (die Eigenmarken der Grossverteiler) mit weniger an zugesetzen Zucker, sodann Frühstücks-Cerealien und Müesliflocken mit weniger Fett und Zucker. Auch einzelne Bewegungs-Angebote fanden Eingang in die Aktion, sowie die Verbesserung der Kundeninformation (etwa durch den Caterer SV-Service).

Details zu diesen Errungenschaften von actionsanté (die neuerdings von den beiden Bundesämtern BAG und BLV gemeinsam getragen wird) sind aus dem eben erschienen Tätigkeitsbericht 2016 ersichtlich. Zweifellos ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Aber eigentlich ist es doch bloss ein kleines Schrittlein. Und auch wenn die Richtung stimmt, wird doch die Wirkung dieser Massnahmen in der Praxis übertüncht vom Wildwuchs an Werbung und Marketing rund um Genussmittel mit überhöhtem Fett-, Zucker- und Salzanteil, für Produkte, die kein Mensch zum Überleben wirklich braucht, im Gegenteil.

Die Anpassung der Rezepturen betrifft dabei nur ein Segment aus dem grossen Angebot an Nahrungsmitteln und dass alle Massnahmen auf Freiwilligkeit beruhen („Pledge“) stellt deren Wirksamkeit zusätzlich in Frage, da sind sich die internationalen Experten einig, denn das gleiche Phänomen ist in allen Ländern anzutreffen.

Eben findet in Deutschland eine koordinierte Offensive der Supermärkte mit ihren Lebensmittel-Angeboten statt mit dem gleichen Ziel einer Anpassung („Optimierung“) der Rezepturen bezüglich Zucker, Salz und Fett. Auch hier sind die Reaktionen aus der Fraktion der Gesundheitsverantwortlichen zurückhaltend: bei solchen spontanen Freiwilligen-Aktionen fehlt eine globale Strategie, die auch andere Faktoren des kommerziellen Umfelds einschliessen würde. Sie lassen zu viele Hintertürchen offen und dienen wohl primär der Imagepflege. „Solidere“ Massnahmen wie gezielte Steuern (auf Zucker etwa) oder die Subentionierung von Früchten und Gemüsen zur Verbilligung, oder intensivere Aufklärungskampagnen (mit gleich langen Spiessen wie die Werbung für Zuckerzeug und Schokolde) lassen weiterhin auf sich warten. Gefordert ist die Politik.




16/7  Info: super seriös

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 16:49

Das war ein eindrücklicher TV-Abend. Gestern auf VOX, ein vierstündiger Themenblock über Fettleibigkeit und wie Betroffene damit umgehen. Eine ungewöhnlich gründliche Dokumentation aufgrund verschiedener Langzeit-Begleitungen von z.T. extrem übergewichtigen Menschen, einige bis 300 Kilo schwer, in ihrem täglichen Kampf gegen ihr Gewicht und auf der Suche nach Lösungen, mit Hilfe der spezialisierten Medizin.

Der Titel klang etwas gar reisserisch: Planet der Dicken – Essen wir und zu Tode? – Was dann aber zu sehen war, das entpuppte sich als hochgradig seriöse, einfühlsame Dokumentation über neun Persönlichkeiten, deren Leben geprägt ist von der aussichtslos erscheinenden Auseinandersetzung mit ihrer Erscheinung, ihrem Essverhalten, ihrem ganzen Dasein, geprägt durch die Krankheit Adipositas.

Bei jedem ist die Ausgangslage eine andere und für jeden Fall werden andere Lösungsmöglichkeiten gesucht. Das Ganze geschieht mit sachlicher Distanz und grossem Respekt, anders als in den meisten Dicken-Shows, wie man sie aus dem Kommerzfernsehen kennt. Insgesamt eine vorbildliche Annäherung an ein überaus heikles Thema.

Es bleibt zu hoffen, dass die Sendung einen ebenso positiven Nachhall findet und bei guter Gelegenheit nochmals wiederholt oder sonstwie zugänglich gemacht wird.




14/7  Kohlensauer!

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 16:36

Wie konnte mir das entgehen. Mitte Mai, also vor zwei Monaten, machte eine Meldung die Runde, die mich eigentlich hätte alarmieren müssen: es geht um „Mineralwasser mit“, also kohlensäurehaltiges Sprudelwasser, von dem ich jeden Tag mehr als einen Liter trinke und das ich bei einem Restaurant-Besuch konsequent bestelle.

Und nun liest man also, dass eben diese Kohlensäure, die da so erfrischend im Glas perlt, ein ebenso schlimmer Dickmacher sein soll wie Fett, Zucker und Konsorten! Natürlich habe ich eigentlich gewusst, dass es besser wäre, das Wasser „nature“ zu trinken. Zuhause jedenfalls mache ich es konsequent, fülle Hahnenwasser in eine Flasche und stelle diese in den Kühlschrank. Etwas anderes kommt mir als Getränk nicht auf den Tisch. Aber auswärts und im Büro trank ich bisher konsequent „Blöterliwasser“.

Die Forscher nehmen an, dass die Kohlensäure im Wasser den Trinker hungrig macht und so zu einer erhöhten Nahrungsaufnahme verleitet. Feldversuche mit Mäusen und mit Menschen haben dies übereinstimmend gezeigt.

Das ist ein herber Schlag für die Mineralwasser-Produzenten, die schon gegen eine drohende Zuckersteuer zu kämpfen haben und sich darauf berufen, dass sie zu jedem Süssgetränk auch eines ohne Zucker anbieten würden… aber nun kommt als neuer No-Go-Effekt das Prickeln der H2CO3-Bläschen hinzu!

Ich weiss, was das für mich bedeutet. In Zukunft immer „mit ohne“!