9/9  Unausrottbar

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 15:42

Aufklärung tut not. Jeden September publiziert die Informationsgruppe Erfrischungsgetränke ihren „Monitor Ernährung und Bewegung“, eine gfs-Studie, bei der 1’000 SchweizerInnen nach ihrer Einstellung zu Fragen der Ernährung und Bewegung gefragt werden. Dabei steht ein Thema immer im Zentrum: der seriöse Nachweis, dass eine Mehrheit der Bevölkerung gegen eine Zuckersteuer wäre und überhaupt nichts hält von staatlichen Eingriffen in die freie Marktwirtschaft.

So weit, so gut, das ist das Recht einer Branchen-Organisation, für die Anliegen ihrer Klienten zu kämpfen und in der Öffentlichkeit geschicktes Lobbying zu betreiben. Denn eine Zuckersteuer fürchten sie wie der Teufel das Weihwasser, obwohl nur noch ein Teil ihrer Produkte-Palette mit „richtigem“ Zucker gesüsst ist.

Ich war sonst bei der Präsentation dieser Studie immer dabei und konnte unsere Sicht der Dinge einbringen. Diesmal habe ich es – corona-bedingt – nicht geschafft und muss mich auf die Medienmitteilung und auf die Studie selbst abstützen. Diese enthält einige interessante Erkenntnisse zu den Veränderungen der Einstellung des Publikums zu einzelnen Fragen, auf die ich hier jedoch nicht im Detail eingehen möchte. Später mehr davon.

Was mir aber in der Kurzfassung der Resultate aufgefallen ist, das ist ein Satz, der mich nachdenklich macht: „Die Schweizerinnen und Schweizer sind überzeugt, dass gesunde Ernährung eine Frage des Willens ist und Übergewicht auch auf mangelnde Bewegung zurückgeführt werden kann. Dieses Wertebild bleibt über die Befragungsjahre in seinem Grundsatz konstant.“

Da ist es also wieder (oder immer noch), das unausrottbare Vorurteil, dass die Dicken an ihrem Zustand selber Schuld sind und dass sie ihr Gewicht problemlos in den Griff bekommen könnten, wenn sie denn nur wirklich wollten… Der faule, willensschwache, genussorientierte Mensch, der sich nicht ausreichend bewegt, ist selber und allein die Ursache seines Dickseins.

Wenn ich so etwas lese, wird mir übel. Dabei, das muss ich zugeben, ist das ja nicht diskriminierend gemeint: die Verfasser der Studie geben nur wieder und fassen zusammen, was bei der Befragung herausgekommen ist, ob uns das passt oder nicht. Dieser Befund belegt jedoch klar, dass es nach wie vor an einer umfassenden, verständlichen und eingängigen Aufklärung und Information über die multifaktoriellen Ursachen von Übergewicht und Adipositas mangelt. Darüber hinaus auch: dass es uns als Patientenorganisation in all den Jahren offensichtlich nicht gelungen ist, hier wirksam Gegensteuer zu geben.

Das ist eine Herausforderung, die wir annehmen müssen und wollen. Wir müssen unsere Anstrengungen verstärken, Fakten und Erkenntnisse unter die Leute zu bringen, um gegen diese Vorurteile anzukämpfen. Das ist nach wie vor nicht einfach.

Es gibt viel zu tun.




7/9  Fat Lives Matter

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 15:59

Eigentlich eine sympathische Botschaft. Vermittelt wird sie von der Blick-Kolumnistin und Autorin Ursula von Arx in ihrem heutigen Beitrag mit dem Titel „Gesundheit ist Glückssache“: sie kritisiert darin den aktuellen Fitness- und Schlankheitswahn und wehrt sich gegen die Diskriminierung übergewichtiger Menschen. Dies unter anderem mit dem Hinweis auf das oft verwendete lateinische geflügelte Wort vom „gesunden Geist im gesunden Körper“, das meist falsch verstanden und interpretiert werde, im Sinne, dass nur in einem gesunden (sprich: schlanken) Körper auch ein gesunder Geist stecken könne. Dabei ergibt sich aus dem Zusammenhang des ganzen Wortlauts die Aufforderung, sich zu wünschen, dass in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist anzutreffen sei…

Von Arx ruft auf zu einem öffentlichen Bekenntnis mit dem Slogen „Fat Lives Matter“, das sie zudem noch verbindet mit dem Wunsch nach einem (grossen) Stück Schwarzwäldertorte mit viel Schlagrahm. „Alles wird gut“ meint sie abschliessend.

Ist das so? Eine Leserin hat auf die Kolumne reagiert und weist auf die Vorteile eines „gesunden“ Körpergewichts hin, auf das Fehlen von Begleiterkrankungen und all den physischen Einschränkungen, die massives Übergewicht im Alltag mit sich bringt…

Es ist sowohl wahr als auch unwahr: die jüngste Erhebung der Schweizer Gesundheitsdaten zeigt, dass die Anzahl übergewichtiger und adipöser Menschen nach wie vor ansteigt – wenn auch (erfreulicherweise) nicht mehr so stark wie in den letzten Jahren. Für Betroffene kann es vorübergehend tröstlich und entlastend sein, wenn man ihnen zu verstehen gibt, sie sollen sich nicht um ihr Gewicht sorgen, sondern das Leben geniessen und mit ihrem Körper Frieden schliessen… Aber dieser Frieden steht leider auf medizinisch wackligen Füssen, denn früher oder später holen uns die gesundheitlichen Probleme ein. Es lohnt sich also, bewusst und ohne Panik allfällige Vorkehren zu treffen. Damit dies gelingen kann, ist der Slogan „Fat Lives Matter!“ extrem nützlich, denn er stärkt das Selbstvertrauen.




26/8  Negativ!

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 16:47

Jetzt weiss ich es also. Schon zweimal hatten mich für kurze Zeit Anflüge von Corona-Symptomen heimgesucht. Das erste Mal im März, als Infektionstests noch Mangelware waren und nur im Ausnahmefall und unter strengsten Sicherheitsbedingungen durchgeführt wurden. Ich lag damals vier Tage im Bett mit Schüttelfrost, Muskel- und Gliederschmerzen, Schluckweh… aber ohne Fieber. Das zweite Mal erwischte es mich vorletzte Woche mit plötzlichen Schmerzen und eingeschränkter Beweglichkeit, diesmal nur für zwei Tage. Aber ich stellte mir doch die Frage, ob ich da irgendwie von einer Ansteckung gestreift worden sei, denn man hört und liest ja auch, dass es Fälle gibt, in denen eine Infektion still und heimlich, ohne die ausgeprägten Symptome verläuft.

So benutzte ich denn gestern die Gelegenheit, mich im Spitalzentrum Triemli testen zu lassen. Zwei Container standen auf dem Parkplatz, davor zwei weisse Zelte und vor dem ersten eine Schlange von rund zehn Personen, die alle darauf warteten, getestet zu werden. Alle trugen Masken. Wer eine aus Stoff hatte, dem wurde diskret eine hellblaue Wegwerfmaske in die Hand gedrückt. Dann ging es ans Warten. Nach einer guten Stunde hiess es, ein Anmeldeformular auszufüllen. Dieses wurde auf ein Computer-Blatt übertragen, dann wurde weiter gewartet.

Nach einer halben Stunde ging es ratz-fatz zur Sache: Wattestäbchen tief in die Nasenhöhle (autsch!), dann nochmals weit in den Rachen zur Zungenwurzel (würg!) – und fertig. Ob ich akute Symptome hätte, fragte die Ärztin im Schutzanzug. Da ich verneinte, meinte sie fast vorwurfsvoll: dann müssen Sie den Test selber bezahlen!

Innerhalb von 48 Stunden sollte die Information über das Ergebnis kommen, schwarz auf weiss, per Mail. 26 Stunden später dann der Bescheid: Negativ getestet.

Was heisst das nun in der Praxis? Ich bin zwar – momentan – nicht ansteckend, muss aber dennoch als Angehöriger einer multiplen Risiskogruppe nach wie vor auf der Hut sein und darf mich keinem Risiko aussetzen, im Interesse meiner Umwelt, meiner Familie und vor allem meiner Enkelschar… Es kann mich also immer noch jederzeit „erwischen“, mit all den möglichen Folgen, egal, ob von Besserwissern bestritten oder nicht. Und ab morgen muss ich mich ernsthaft mit der Frage befassen, ob ich mir nicht doch eine elegante, individuelle Stoffmaske zulegen sollte.




20/8  Das Masken-Paradox

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 16:44

Der Gedanke intrigiert mich. Mit den erneut ansteigenden Infektions-Zahlen erwägen immer mehr Kantonsregierungen, die Masken-Tragpflicht auszuweiten auf immer neue Bereiche: auf Geschäftslokale, Theater, geschlossene Räume, Warteschlangen… Das ist ja an sich nicht ungewöhnlich, wer sich in Deutschland aufhält kennt das aus einzelnen Bundesländern, wo in der gesamten Öffentlichkeit ein rigoroses Masken-Obligatorium besteht.

Als multipler Risikogrüppler bin ich natürlich bestrebt, einer möglichen Ansteckung wenn immer aus dem Weg zu gehen. Ich vermeide konsequent Menschenansammlungen, halte in der Migros Abstand zu allen anderen KundInnen, desinfiziere meine Hände und die Gegenstände, bevor ich sie berühre, und wenn ich mich „draussen“ bewege, dann nur mit dem Velo. Dabei trage ich allerdings (noch) keine Maske. Aber ich mache mir meine Gedanken:

Mit der zunehmenden Verpflichtung zum Maskentragen steigt einerseits der Verbrauch, andererseits stellt sich das Entsorgungs-Problem. Wenn man die amtlichen Anweisungen strikt befolgen würde, müsste man die blaue Maske alle zwei Stunden abnehmen, ohne sie am Stoffteil zu berühren, sie vorsichtig in einem verschliessbaren Beutel verstauen und diesen berührungsfrei quasi als Sondermüll in ein  geschlossenes Behältnis deponieren… Und dann die Hände waschen, als hätte man frisches Pouletfleisch berührt…

Das mache ich nicht. Ich habe eine Maske stets griffbereit in meiner Pochetten-Tasche und dort verschwindet sie wieder, wenn sie nicht mehr benötigt wird. Ich behandle sie nicht wie einen schwer toxischen Gegenstand… wenn auch mit gemischten Gefühlen. Und ich frage mich: wie massiv muss denn die Belastung durch meine Atemluft und durch die mich umgebende Atmosphäre sein, dass die Maske so gefährlich wird? Wenn ich eine Viertelstunde mit dem Velo unterwegs war, müssten doch auch meine Kleider ebenso viral verseucht sein wie das Masken-Vlies!? Müsste ich dann nicht durch eine Dekontaminations-Schleuse und mich neu einkleiden, ehe ich ins Büro darf?

Wie real ist die Corona-Gefährdung aus der Luft, etwa im Unterschied zu einem atomar verstrahlten Gelände oder einem Areal, auf dem sich ein Zwischenfall mit giftigen Chemikalien ereignet hat? Wenn vor Jahren die Chinesen in der Innenstadt Schutzmasken trugen, weil die Luftverschmutzung durch Abgase so toxisch war, dass man die Hand kaum noch vor Augen sah, so war das irgendwie nachvollziehbar… Aber wenn ich mich hier und heute bei strahlendem Sonnenschein aufs Velo schwinge..?

Ich will nicht in den Chor der besserwissenden Skeptiker einstimmen, die jedes Corona-Risiko klein zu reden versuchen. Aber ich habe noch Mühe mit der Vorstellung, dass vor meiner Haustür eine giftige Aussenwelt herrschen soll, vor der ich mich schützen muss, während mir gleichzeitig empfohlen wird, die Wohnung regelmässig (mit ebendieser Aussenluft) zu lüften, um die Gefahr der virenträchtigen Aerosole abzuwenden…

Paradox, oder?




11/8  Aufgeblasen

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 14:58

Nein, nur mit einer Kochsalzlösung gefüllt. Das wird der Magenballon, nachdem er leer über die Speiseröhre in den Magen eingeführt wurde.

Unvergesslich ist mir die Aussage der ehemaligen Show-Biz-Queen Nella Martinetti, die in den letzten Jahres ihres Lebens buchstäblich mit ihrem Gewicht kämpfte, aber gleichzeitig jede medizinische Intervention kategorisch von sich wies. In einem TV-Gesundheitsbeitrag wurde damals die noch kaum bekannte Technik des Magenballons vorgestellt und im Gespräch mit dem Adipositas-Spezialisten Horber sagte sie sinngemäss: Ok, wenn es unbedingt sein müsse und sie sonst nicht abnehmen könne, würde sie sich überlegen, „ein Ballönli“ einsetzen zu lassen…

Aber die Fachwelt ist sich heute aufgrund der bisherigen Erfahrungen einig: der Magenballon ist keine anerkannte und akzeptierte Therapie gegen Adipositas. Der Eingriff wird von den Krankenkassen nicht bezahlt, die Nebenwirkungen können massiv die Lebensqualität beeinträchtigen und der Ballon muss nach 6 bis 12 Monaten wieder entfernt oder ersetzt werden. Wird er herausgenommen, schnellt das Gewicht erneut nach oben.

Umso erstaunter war ich, als ich vor einigen Wochen in einer Zeitungsbeilage von mediasolutions zum Thema Gesundheit einen „Fachbeitrag“ eines Arztes las, der in seiner Klinik am Bodensee (auf der deutschen Seite) eben diesen Ballon als ideale Methode für eine „richtige, schonende und nachhaltige“ Adipositas-Therapie anpreist, unter anderem mit dem Argument, dass die eingesetzte Kugel das Magenvolumen verkleinert und dadurch zu einer früheren Sättigung führe, dass man dabei aber keine Diät einhalten müsse, sondern genau so weiter essen könne wie bisher…

Die Belobigung dieses „kleinen Routeine-Eingriffs“ und die Verharmlosung allfälliger Nebenwirkungen erachte ich als fahrlässige Irreführung aka Verarschung einer Patientenschaft, die bereit ist, nach jedem Strohhalm zu greifen. (Wenigstens wird auf der Webseite der Klinik noch darauf hingewiesen, dass für eine optimale Wirkung das Ess- und das Bewegungs-Verhalten verändert und angepasst werden sollten…)

Natürlich kann man mit dem Ballon abnehmen. Zuweilen wird er eingesetzt, wenn ein Patient im Hinblick auf eine Bypass-OP bereits Fett verlieren muss, damit der Eingriff überhaupt ausgeführt werden kann. Oder wenn besondere Krankheiten eine andere Intervention verbieten. Aber das sind klinische Sonderfälle. Was mir mehr zu denken gibt, das ist die fachliche Kompetenz der Beilagen-Redaktion, die einen solchen PR-Beitrag mit offensichtlichen Fehlinformationen quasi unbesehen ins Blatt nimmt. Soviel zum Zustand der Fachpresse.




10/8  Corona-Ferien

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 15:55

Von wegen. Da bist du also vier Wochen nicht im Büro und denkst, du könntest so richtig abschalten, Tapetenwechsel und tief durchatmen, nicht mehr an all die Dinge denken, mit denen du dich jeden Tag befasst hast, um dann locker und tiefenentspannt, mit aufgeladenen Batterien die anstehenden Pendenzen zügig an die Hand zu nehmen…

Weit gefehlt. Das mediale Umfeld ist allgegenwärtig und ereilt dich, wo du dich auch aufhältst. Den sozialen Medien bist du offenbar schon so weit verfallen, dass du sie täglich überprüfen musst, um regelmässig auf Dinge zu stossen, die dich nerven (oder erfreuen), auf die du reagieren möchtest und müsstest… aber du tust es nicht, du bist schliesslich in den Ferien.

Und alles wird überlagert von dem unsäglichen Kleinkrieg der Meinungen rund um das Phänomen einer Epidemie, vor der die Mehrheit der Experten immer noch warnen, während eine kleine Gruppe von Skeptikern in immer schrilleren Tönen uns davon zu überzeugen versucht, dass das alles nur eine herbeigeredete und -geschriebene Hysterie sei und in Wirklichkeit nicht nur gesundheitlich ungefährlich sei, sondern uns darüber hinaus hinaus auf direktem Weg in die Sklaverei einer gewissenlosen Elite von Kriminellen führe, die längst im Verborgenen die Weltherrschaft übernommen haben.

Das Tragen eines hellblauen Zellstoff-Stücks vor Mund und Nase wird so zum Symbol für die bedingungslose Kapitulation und für die Abschaffung sämtlicher bürgerlicher Rechte und Privilegien, die wir uns in einem jahrhundertelangen Prozess als freie Bürger erkämpft haben.

Dass auch Leute, denen man ein Mindestmass an Bildung zugestehen möchte, solchen Schwachsinn eilfertig übers Internet verbreiten und sich dabei etwas auf ihre Fähigkeit zur kritischen Hinterfragung einbilden, war in diesen Wochen sowohl Anlass zu Erheiterung wie zu bösen Zweifeln am Niveau des öffentlichen Diskurses…

Aber item: ich konnte mich beherrschen und habe von schnöden Kommentaren abgesehen. Jetzt sortieren wir die Pendenzen und tragen das ab, was wirklich wichtig ist.




8/7  Von A bis E

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 16:00

Lob ist angesagt. Für den Lebensmittel-Retailer ALDI-Suisse. Als erste Kette führt er seit Anfang Juli in seinen Filialen auf seinen Produkten den Nutri-Score ein: ein einfaches, leicht verständliches Lebensmittel-Label auf jeder Packung (nur auf verarbeiteten Produkten), die es allen, die sich beim Einkauf bewusst verhalten wollen, leichter macht, den gesundheitsrelevant „richtigen“ Entscheid zu treffen.

Im letzten Newsletter hat ALDI-Suisse diese Einführung angezeigt und auch wichtige Hintergrund-Informationen zum Nutri-Score-System geliefert. Damit setzt er seine Konkurrenten gewissermassen unter Zugzwang, denn bei Migros und Coop spricht man zwar wenigstens davon, sich eine solche Option zumindest zu überlegen… aber reale Aktionen sind noch nicht sichtbar, bis auf die wenigen Marken-Produkte, die den Score von sich aus schon eingeführt haben, sei es von Danone (die hier eine Pionier-Rolle einnahmen) oder von Nestlé, die allerdings nur einige ausgewählte Lebensmittel auszeichnen.

Die Einführung des Nutri-Score wird in der Schweiz bis auf weiteres nach wie vor auf freiwilliger Basis gehandhabt. Das zuständige Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) führt die Oberaufsicht über das Projekt, kann aber keinen Zwang auf eine zügige Umsetzung ausüben. Für ein Obligatorium fehlt hierzulande der politische Wille, aber vielleicht ist auch einfach die Zeit noch nicht reif (genug). Vielleicht braucht es in dieser Frage noch weiteren Druck im Parlament.

Ja, und dann gibt es auch noch die Kritikaster, die an allem etwas auszusetzen haben. Wie kürzlich am Radio gehört, wo eine verdiente Ernährungsberaterin das System in Frage stellte, weil es Menschen gebe, die krankheitsbedingt eine bestimmte, eventuell kalorienreichere Ernährung brauchten, und für die daher der Hinweis auf ausgewogene, nicht allzu hochkalorige Nahrungsmittel eine falsche Empfehlung wäre… – Man kann ja in jeder Suppe ein gespaltenes Haar finden!

Ich jedenfalls freue mich jedes Mal, wenn ich auf einer Verpackung das farbenfrohe Signal sehe: weiter so!




7/7  Vorsicht: Fettleber!

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 15:59

Am Anfang steht ein Missverständnis. Es ist leider weit verbreitet, dummerweise auch bei Menschen, die bewusst auf eine gesunde Ernährung achten wollen. Sie wissen, dass bei ZUCKER aufgepasst werden sollte, weil wir grundsätzlich zuviel davon zu uns nehmen. 25 Gramm pro Tag wären die anzustrebende Höchstmenge (gemäss Weltgesundheits-Organisation), aber über 100 Gramm täglich sind es in der Realität (durchschnittlich).

Also achten die Ernährungsbewussten auf die Deklaration. Und viele sagen sich, wenn schon, dann wenigstens den „natürlichen“ Zucker wählen. Nun kommt der Süssstoff unter vielen, ganz verschiedenen Bezeichnungen und Namen daher, die es nicht immer leicht machen, ihn als solchen überhaupt zu erkennen. Aber, so denkt man, am natürlichsten sind doch allemal die Früchte. Der in diesen enthaltene Zucker kann daher nur gesund sein. Und wenn in einem Produkt „Fructose“ drin ist (also: Fruchtzucker), dann ist das unbedenklich.

Ein fataler Irrtum! Von allen Zuckerarten ist Fructose die verhängnisvollste, denn sie ist so konstruiert, dass sie beim Stoffwechsel praktisch lückenlos in Fett umgewandelt wird. Vor allem, wenn sie in der Nahrung im Übermass vorhanden ist. Dann flutet sie die Darmflora, kann von dieser nicht verarbeitet werden und führt zu einer Verfettung der Leber.

Fructose ist eine der wichtigsten Ursachen für die „Nicht-alkoholische Fettleber“ (abgekürzt auch NASH genannt), wie eine aktuelle Studie – an Mäusen – von US-Universitäten gezeigt hat. Es ist davon auszugehen, dass analoge Wirkungen auch beim Menschen nicht auszuschliessen sind. Daher ist es höchste Zeit, mit dem landläufigen Missverständnis vom „natürlichen, daher gesunden“ Fruchtzucker aufzuräumen und nicht nur die Zusammensetzung der Kohlenhydrate in unserer Nahrung kritisch zu hinterfragen, sondern überhaupt so wenig „Zucker“ wir nur möglich zu konsumieren. Unser Organismus dankt es uns.




6/7  Körperlich

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 14:42

Sie hat mich eine Woche lang begleitet. Diese Stimme aus dem Radio, früh am Morgen, wenige Minuten nur, aber nachhaltig einprägsam für den ganzen Tag. Es sind kurze Geschichten, Miniaturen aus dem Alltag, Betrachtungen und Gedanken zu alltäglichen Begebenheiten, verblüffend und sehr persönlich.

Die Stimme gehört einer Frau. Sie hat einen fast mädchenhaften Anflug in der Tonalität und nimmt vom ersten Satz weg gefangen: man merkt auf und hört zu, ist gespannt auf das, was sie zu sagen hat. Und vor allem: wie sie es sagt.

Die Frau ist Julia Weber. Ihre Texte habe ich schon in der Zeitung gelesen, wo sie ab und zu Kolumnen schreibt. Auf Schriftdeutsch allerdings, da ist sie mir eigentlich nicht besonders aufgefallen. Aber im Radio ist sie physisch präsent, ihre Stimme eben, die hat eine körperliche Ausstrahlung im Dialekt und in der Art, wie sie artikuliert, wie sie die Worte formt, die Sätze gliedert und wie sie beiläufig überraschende Bilder durch unerwartete Formulierungen entwirft.

Ihr letzter Beitrag am Ende der Woche galt einem Thema, das uns nur zu vertraut ist und das man mit „Bodypositivity“ umschreiben könnte. Eine Frau steht in der Badeanstalt unter der Dusche und macht sich Gedanken über ihren eigenen und über die Körper der anderen Duschenden, im Vergleich zu den Frauenkörpern, wie sie in der Werbung dargestellt und abgebildet sind… Aber was schreibe ich da? Was sie sagt und wie sie es sagt, das muss man sich anhören. Und mitnehmen in den hundsgewöhnlichen Alltag, der uns immer wieder mit Selbstzweifeln konfrontiert, obwohl diese zutiefst falsch und unnötig sind. Man muss es hören.




30/6  Was diskriminiert uns?

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 16:17

DAS MAGAZIN hat etwas ausgelöst. Ein E-Mail-Wechsel war die Folge einer Foto auf dem Titelbild der letzten Ausgabe der Wochenend-Beilage der Tamedia-Zeitungen. Sie zeigt einen stark übergewichtigen Mann, der an einem Wirtshaus-Tisch sitzt, vor sich ein Gedeck mit einem halbleeren Glas, offenbar hat er schon gespeist. Er schaut mit einer Mischung aus Skepsis und Unmut nach der Person, die ihn mit ihrem Fotoapparat ins Visier gefasst hat.

Der Mann sitzt, der Bildlegende nach, in einem griechischen Speiselokal. Das Bild weist auf Rezepte zu kulinarischen Höhepunkten rund um den Erdball hin, hat also Symbolcharakter. Oder Soll es uns noch eine andere Botschaft vermitteln?

Ein Leser hat sich mit dieser Frage an den Chefredaktor des Magazins gewandt: „Was wollen Sie mit dem schwergewichtigen Mann auf dem Titelbild sagen?“ Und erhielt von diesem prompt die lakonische Antwort: „Nichts. Es ist einfach ein Grieche.“

Dass diese Auskunft den Fragesteller nicht zu befriedigen vermochte, liegt auf der Hand. Er empfindet, wie er schreibt, das Bild als „verstörend“ und „für viele Übergewichtige (Adipositas) ein Affront.“ Ein Durchschnitts-Grieche, argumentiert er, sehe anders aus. Eher wie Zorbas (alias Anthony Quinn, der im Film ja eigentlich keiner war).

Das Bild sei auch ein Affront gegen unsere Stiftung, schrieb er. Ist es das? Ich habe das Bild auch gesehen, als ich letzten Samstag die Zeitung aufschlug. Mein erster Gedanke war: Genau so habe ich selber noch vor vier Jahren ausgesehen, als ich 180 Kilo gewogen habe… – Dann wurde mir bewusst, dass Griechenland effektiv – neben Malta – das Land ist mit dem grössten Anteil an übergewichtigen und adipösen Menschen in Europa. Das Bild zeigte also eine Tatsache auf, sichtbar und nachvollziehbar.

Es machte sich nicht lustig über den Mann, es zeigte ihn nicht in einer unvorteilhaften Pose, es entwürdigte ihn nicht… ausser, man würde seinen Zustand als solchen als entwürdigend betrachten. Für mich erfüllt eine solche Illustration nicht den Tatbestand der Diffamierung und der Diskriminierung. Da gibt es weit schlimmere Bilder, die in den sozialen Medien zirkulieren, wo „Dicke“ verhöhnt und am Pranger der Lächerlichkeit preisgegeben werden…

Oder bin ich am Ende durch die Beschäftigung mit der Materie bereits zu „abgebrüht“, um noch sensibel reagieren zu können? Was meint ihr?