17/1  Und die PatientInnen?

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 18:47

Als ich noch beim Kinderhilfswerk Terre des hommes im Stiftungsrat sass, hatten wir ein altgedientes Mitglied. Es pflegte – wie weiland im historischen Rom Cato der Ältere mit seinem unverzichtbaren Ceterum censeo Carthaginem esse delendam – jede Diskussion über geplante Investitionen, neue Strategien oder finanzpolitische Perspektiven ultimativ zu beenden mit der Frage: And what about the Children?

Und was ist mit den Kindern? – Analog war ich heute versucht, die Frage zu formulieren: What about the Patients?

Es war an sich eine interessante Veranstaltung: über 250 hochkarätige VertreterInnen aller Berufsgattungen und Funktionen aus dem Gesundheitswesen hörten sich im noblen Ambiente des Berner Hotels Bellevue eine Reihe von Vorträgen und Debatten an zur Thematik „Neue Rollenverteilung im Gesundheitsbereich – welcher Platz bleibt den Ärzten?“ – Es ging dabei vor allem um die Aufgabenteilung mit bzw. die Einbindung qualifizierter Assistenz-Funktionen in der medizinischen Betreuung. Was braucht es, damit aus der klassischen „Arztgehilfin“ mit eingeschränkter Verantwortung (nach traditionellem Rollenverständnis) eine partnerschaftliche Ergänzung in der Pflege werden kann, welche die Ärzte echt zu entlasten vermag?

Grundsätzliche, ethische, rechtliche Fragen wurden erörtert, Modelle, die sich im Ausland bewährt haben, skizziert. Die Schweiz steht im Vergleich mit den meisten OECD-Staaten punkto medizinischer Versorgung nicht schlecht da. Und doch zeichnen sich infolge der Überalterung und des Überhandnehmens chronischer Erkrankungen neue Bedürfnisse nach medizinischer Betreuung in noch unabsehbarem Ausmass ab. Gleichzeitig eröffnet die Digitalisierung (Stichwort: eHealth) völlig neue Perspektiven für die Aufteilung der Verantwortung zwischen dem Medizinpersonal und einer bewussten Patienteschaft.

Das war denn aber auch der einzige konkrete Bezug zu den Erwartungen der PatientInnen (abgesehen von einem eher polit-theoretischen Exkurs aus der Perspektive der gesamteuropäischen Dachorganisation der Patientenorganisationen EPF). Daneben waren all die verschiedenen Ausprägungen der Pflegebedürftigen wie nicht existent im Diskurs.

Sind sie denn nur Statisten, Material in den Händen der Pflegenden, Rohstoff für den Betrieb der Gesundheitsfabriken, ob nun staatlich verordnet oder privat auf Profit getrimmt? Was ist die Stellung der PatientInnen  in diesem „Rollenspiel“, das da in Zukunft überdacht und ev. neu organisiert werden soll? Es gab eine Phase, da sagten Vertreter der Krankenkassen, der Patient sei „Kunde“ und es gelte, sich auf die Bedürfnisse der Kunden einzustellen, kondenorientiert zu handeln… Ich habe damals widersprochen: der Patient kann nur so lange als Kunde betrachtet (und behandelt) werden, als er nicht selber krank ist. Wird er krank und braucht er medizinische Betreuung, wechselt sein Status vom Kunden zum Opfer, zum persönlich Betroffenen, der jede Überlegung nach Wirtschaftlichkeit, Zweckmässigkeit, Verhältnismässigkeit einer Therapie über Bord wirft, weil es um sein ureigenes, persönliches Wohlergehen geht (oder um das seiner Liebsten): jetzt klammert er sich an jeden Strohhalm der Hoffnung, will die beste aller möglichen Therapien haben, holt Second und Third Opinions ein, solange noch ein Funke glüht, der Heilung und Überleben verspricht.

Diese Ausgangslage, die m.E. einen wesentlichen Faktor als Kostentreiber im Gesundheitwesen darstellt, kam in der Auslegeordnung zu kurz. Und je ausgefeilter und „besser“ die Grundversorgung ist, umso höher steigen die Anforderungen, die Erwartungen – und die Kosten. Damit werden wir leben müssen, ob mit oder ohne Aufgabenteilung.




16/1  HCG-Warnung

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 15:03

Ein Diätprogramm, von dem abgeraten wird. Und trotzdem schafft es den Weg immer wieder in die Schlagzeilen. Es geht um die sogenannte „HCG-Kur“, bei der den Patienten das Schwangerscahftshormon hCG verabreicht wird, in Kombination mit einer extrem reduzierten (500 kcal/Tag) kohlenhydrat-armen Ernährung.

Ich habe diese Diät in den 70er-Jahren selber ausprobiert. Eine renommierte Schölnheitschirurgin an bester Zürcher Adresse hatte sie im Angebot. Es gab einmal pro Woche eine Spritze und rigorose Ernährungsvorschriften, an die ich mich im Detail nicht mehr erinnere und die ich wohl nicht strikte eingehalten hatte, jedenfalls blieb der erhoffte Erfolg aus und ich beschloss, die Kur abzubrechen. Frau Doktor in ihrer schneeweissen Luxuspraxis sah mich enttäuscht an, blickte auf meine seit Kindertagen deutlich abstehenden Hörmuscheln und fragte mich in ihrem Bündner Dialekt: „Störend Ihnen Ihrni Ohren eigentli nit?“

Ich konnte die Praxis verlassen, ohne dass sie mich zwecks Coupierung auf den OP-Tisch gebracht hätte. Daran muss ich jedes Mal denken, wenn heute von der HCG-Diät die Rede ist. Im Diskussionsforum auf der SAPS-Website läuft seit 14 Jahren eine Debatte über diese „Diät“, mit 8’290 Aufrufen, von begeistert bis entsetzt, von ernsten medizinischen Bedenken bis zur eindringlichen Nachfrage nach Bezugsquellen…

Neuerdings gibt es auch „homöopathisches hCG“, das in Form von Globuli eine Rolle spielt bei der sogenannten „21-Tage Stoffwechwechselkur“: auch hier geht es um einen ketogenen, fettarmen, kalorienreduzierten Speiseplan und um das Hormonpräparat, nur diemal „gekugelt“, nicht gespritzt… Da die ketogene Ernährung (Verzicht auf Kohlenhydrate in Form von Brot und Pasta) allein schon eine stark gewichtsreduzierende Wirkung zeigt, ist es schwierig zu beurteilen, welcher Anteil am Erfolg den Kügelchen zukommt und inwieweit es sich um den Placebo-Effekt handelt, der gerade bei der Gewichtsreduktion eine wesentliche Bedeutung haben kann.

Kritisch mit der HCG-Kur setzt sich auch die Kolumne von Jürg Hösli in der heutigen Ausgabe von 20Minuten Online auseinander: ausser dem Portemonnaie würde nichts abnehmen, schreibt der Autor. Das ist vielleicht nicht ganz richtig: wer die Vorgaben bezüglich Ernährung einhält, nimmt wohl unweigerlich ab, sofern er/sie konsequent ist. Wie gut es dann aber gelingt, das tiefere Gewicht auf Dauer zu halten, ist eine andere Frage.




13/1  Fleisch vom Baum

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 16:33

Ich habe schon mehrmals darüber geschrieben. Ich hatte einen Bekannten, der grauste sich vor dem Gedanken, dass das Fleisch auf seinem Teller von einem Tier stammen könnte, das man töten musste. So ass er aus Prinzip kein Fleisch, das danach aussah. Und ebenso prinzipiell stellte er sich vor – und war felsenfest davon überzeugt -, dass die Cervelats auf Cervelat-Bäumen wuchsen.

An ihn musste ich unwillkürlich denken, als ich heute die Meldung las, dass es für Vegetarier ein neues Trend-Produkt gebe: die Jackfrucht, die in unreifem Zustand eine leicht faserige Konsistenz habe und in der Küche zu verwenden sei wie Poulet-Fleisch. In den USA sei dieses Frucht-Fleisch voll im Trend.

Eine kulinarische Option also nicht nur für für die überzeugten Pflanzenfresser, sondern wohl ebenso sehr auch für all jene, die ihren Fleischkonsum aus ökologischen und gesundheitlichen Überlegungen reduzieren möchten. Nun ist aber die Jackfrucht ein echter Exot, im hiesigen Handel kaum in „unreifem“ Zustand frisch zu erwerben. Es gibt verarbeitete, getrocknete Jackfrucht-Angebote, die aber meist der ausgereiften Frucht gelten, die sich zu Desserts verarbeiten lässt. Die Beschaffung von unreifen Früchten als Fleischersatz erweist sich im Moment offenbar noch als schwierig, am aussichtsreichsten sei es in Asia-Shops, wo es zwar keine „frischen“ Früchte, aber doch Konserven davon zu erwerben gebe. – Mal ein Experiment wagen?




12/1  Alles über WW

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 14:01

Am Anfang sah es aus wie ein einstündiger Werbespot. „Runter mit den Kilos – Abnehmen nach Regeln und Punkten“ hiess eine knapp einstündige Dokumentarsendung, realisiert vom Westschweizer Fernsehen und gestern von SRF 1 ausgestrahlt. Ein Jahr lang wurden drei Menschen begleitet, die sich im Kampf gegen ihr Übergewicht auf das Programm des weltweiten Abnehm-Konzerns WeightWatchers abstützten.

Gezeigt wurden die regelmässigen Meetings, an denen die Abnehmwilligen unter Kontrolle auf die Waage steigen, sich von den jeweiligen WW-Coaches loben oder sanft tadeln lassen, um neu motiviert wieder in den täglichen Clich mit den Kalorien zu steigen. Erläutert wird summarisch das Konzept: jedes Nahrungsmittel hat einen Punkte-Wert (je nach Menge) und wer abnehmen will, hat – je nach Ausgangs- und Zielgewicht – eine bestimmte Punktezahl pro Tag zugute und muss nun selber schauen, aus welchen Elementen sich diese Punkte zusammensetzen. Dabei kann man sich helfen lassen.

Zwei Frauen und ein Mann: drei völlig unterschiedliche Lebernssituationen, und unterschiedlich auch der jeweilige Erfolg: Abnahme nach Wunsch, Stillstand, Enttäuschung, neuer Gewichtsanstieg und neuer Anlauf…

Bald entpuppte sich die Dokumentation aber doch als kritische Analyse nicht nur des Geschäftsgebarens von WW (intransparente Entlöhnung der Coaches, Disziplinierungsmassnahmen, wenn diese von ihrem Idealgewicht abrutschen, fehlende Informationen zu allfälligen Langzeit-Erfolgen), sondern auch der Diät-Industrie insgesamt, in Gesprächen mit und Statements von Stoffwechsel-ExpertInnen, mündend in das ernüchternde Fazit: „Diäten bringen es nicht…“

Es ist die Bestätigung dessen, was wir eigentlich wissen: der reine Versuch, durch eine Umstellung der Ernährung und mehr Bewegung das zu grosse Gewicht zu reduzieren, ist auf lange Sicht zum Scheitern verurteilt, auch wenn sich kurzfristig Abspeck-Erfolge einstellen mögen. Höchstes der Gefühle – sagt eine Spezialistin – sei der Verlust von 10 Prozent des Ausgangsgewichtes durch die „konventionelle“ Methode. Früher oder später komme das Gewicht wieder zurück.

Ausgehend vom weltweit kommerziell erfolgreichen WW-Modell hat sich der Report auf Diäten fokussiert. Nicht angesprochen wurden die operativen Methoden der bariatrischen Chirurgie oder andere, alternative Ansätze. Das Thema bleibt pendent.




11/1  Aus der Norm gefallen

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 14:47

Was haben wir uns nicht amüsiert über die einfältigen EU-Richtlinien bezüglich der Gurken-Krümmung. Und wie ärgerlich finden wir die übersteigerten Ansprüche der KonsumentInnen – also von uns selber – in Bezug auf die Perfektion von Früchten und Gemüsen, wenn wir unseren Einkauf tätigen? Und doch ertappen wir uns bei jedem Einkauf dabei, dass auch wir im Selbstbedienungsregal ganz automatisch nach den schönsten Exemplaren greifen, jene mit einem Fleck oder einem Hick liegen lassen… „missgestaltete“ Früchte haben es eh gar nicht bis in den Laden geschafft, die wurden schon während der Ernte ausgeschieden und landen bestenfalls im Gärfass für die Schnapsbrennerei oder im Schweinefutter (sofern das Bortstevieh überhaupt noch natürliche Kost bekommen darf und nicht nur mit importierten Kraftmehl gemästet wird).

Umso interessierter haben wir auf den Versuch von Coop geschaut, als unter dem Label Ünique auch Früchte und Gemüse angeboten wurden, die nicht der gängigen „Norm“ entsprachen, sondern anders, auffällig, „abnormal“ geformt waren… Haben wir sie selber gekauft? Fanden sie im Markt eine Akzeptanz? – Die Universität Bern führt dazu eine Online-Umfrage durch, an der man sich noch während einer kurzen Zeit beteiligen kann. Als Preis winken Einkaunfsgutscheine – falls einem das Los und der Zufall günstig gesinnt sind. – Hier geht es zur Umfrage. – Viel Glück!




10/1  Ein Leserbrief

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 14:04

Übers Wochenende war ich wieder einmal in den Medien. Das löst immer die eine oder andere Reaktion aus. Heute finde ich einen Leserbrief im Tages-Anzeiger, vom Fitness-Ur-Guru Fritz Bebie. Er weist darauf hin, dass man, um schlank zu bleiben, wenig und ausgewogen essen und sich ausreichend bewegen sollte. Und warnt vor einer einseitigen Ernährung, insbesondere vor einer Low-Carb-Diät, da diese „neben diversen Nebenwirkungen zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und aufgrund von zu vuiel Eiweiss (Fleisch) auch zu einer Säureüberproduktion im Körper“ führe.

Ich habe ihm dann folgendes geschrieben:

Lieber Fritz Bebie

Danke für den ergänzenden Leserbrief, dem «grundsätzlich» zuzustimmen ist, auch wenn er etwas undifferenziert daherkommt. Die In/Out-Regel zweifelt ja niemand an, aber es kommt in der Praxis eben auch auf die Ausgangs-Situation an. Wenn jemand – durch welche Lebensumstände und Fehlverhalten immer – einmal den Zustand extremer Adipositas erreicht hat, dann kann ihm die simple Formel mit dem «weniger essen und mehr bewegen» nicht mehr helfen, weil er sich kaum noch bewegen kann und weil besondere hormonelle Faktoren sein Essverhalten und seinen Stoffwechsel mit beeinflussen. In dieser Situation ist es auch nicht egal «was» man isst, da nicht alle Lebensmittel bezüglich anhaltender Sättigung in gleicher Weise verstoffwechselt werden. Dazu kommt im Einzelfall auch die individuelle Situation der Darmbakterien, deren Einfluss auf die Entstehung der Adipositas erst jetzt erforscht wird.

Das Konzept, mit dem ich jetzt in anderthalb Jahren 76 Kilo verloren habe, basiert auf der ketogenen Ernährung, die in der Ernährungsberatung bei Adipositas zunehmend positiv reflektiert wird. In meinem Fall ist die Gefahr von «zu viel Eiweiss» nicht gegeben, da ich mit dieser Formel (nur noch einmal täglich) wesentlich weniger Fleisch zu mir nehme als mit meinem früheren Essverhalten. Zudem verzichte ich komplett auf Milch-Eiweiss-Produkte und Eier. Von einer «Säureüberproduktion» hat man bei meinen regelmässigen Blutanalysen bis heute nichts festgestellt. Von den im Leserbrief prognostizierten Herz-Kreislauf-Beschwerden habe ich bis jetzt noch nichts verspürt, im Gegenteil: es geht mir punkto persönlicher Fitness heute besser als je seit meinem Herzinfarkt vor 10 Jahren. Aber ich werde mich durch meinen Herzspezialisten gründlich durchchecken lassen, wenn ich die 100-Kilo-Grenze unterschritten habe und 80 Kilo weg sind.

Man sollte Menschen, die auf der Suche sind nach einer Lösung für ihr Adipositas-Problem, nicht unnötig Angst machen vor möglichen Nebenwirkungen, die – selbst wenn sie einträten – nicht gravierender sein können als das, was das viel zu grosse Körpergewicht bewirken würde.

Mit freundlichem Gruss

Heinrich von Grünigen




9/1  Trends in Sicht

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 16:46

Es ist mehr als Wahrsagerei. Wenn es darum geht, Trends vorauszusagen, die im kommenden Jahr die öffentliche Diskussion und das Handeln prägen, dann basieren diese Hinweise meist auf Fakten und Erkenntnissen, die interpoliert und ausgedeutet werden können. Mit Sterndeuterei und Kaffeesatzlesen hat das nichts zu tun. Darum sind die sieben wichtigsten Trends, welche von der europäischen Ernährungsplattform FoodNavigator für 2017 herausgearbeitet wurden, an sich nicht spektakulär und überraschend, aber sie zeigen eine grundsätzlich positive Entwicklung auf:

Im Kommen sind demnach „Ethical Lbels“, also  neue Markenbezeichnungen für Produkte, die als wertvoll eingestuft werden: Bio, FairTrade, Vegan, Natürlich, Pur, ohne Zusatzstoffe…). Offenbar besteht dafür eine wachsende Nachfrage, parallel zum weiterhin wachsenden Widerstand gegen genveränderte Lebensmittel und gegen Agrochemikalien wie Glyphosat.

Ebenfalls wachsen wird der Markt mit Protein, das nicht mehr von Tieren stammt (die Insekten sind da für Europa erst ein Nischen-Angebot) sondern aus Pflanzen (Bohnen) gewonnen wird. Immer mehr Menschen versuchen, ihren Fleischkonsum einzuschränken, aus Rücksicht auf die Umwelt (Klima), aber auch im Blick auf die Problematik der Massentierhaltung. Ein Problem wird dabei sein, wie man diese neuen Eiweiss-Produkte benennen soll, da zeichnet sich noch keine Lösung ab.

Immer wichtiger wird auch 2017 der Wunsch, „lokal“ zu denken und auch lokal („aus der Region – für die Region“) zu essen, sofern dieser Claim nicht zu einem reinen Marketing-Instrument verkommt und in der Praxis mit allerlei Tricks ausgehebelt wird. In manchen Ländern wird eine entsprechende Gesetzgebung vorbereitet, das „Swissness“-Gebot, das bei uns seit Anfang Jahr in Kraft ist, zeigt für die Lebensmittelbranche in die gleiche Richtung.

Dem Wasser wird wieder vermehrt Beachtung geschenkt. Als Ressource ist es unverzichtbar. Mit Sorge verfolgen die interessierten Kreise etwa das Vorgehen von Nestlé, welches die Wasserquellen ganzer Landstriche aufkauft, um sie zu kommerzielisieren, wodurch die Einwohner dieser Regionen von einem freien Zugang zum Trinkwasser abgeschnitten werden. Diesem Trend gilt es entschlossen entgegenzuwirken.

Mit dem Slogan „low sugar“ wird im kommenden Jahr darauf hingewirkt, dass der Zuckerkonsum insgesamt gesenkt werden kann. Im Vordergrund steht der Zucker in den Süssgetränken, auf ihn zielen die zahlreichen Vorlagen zur Einführung einer Zucker-Steuer in erster Linie. Aber auch viele Süssigkeiten-Hersteller gehen bei ihren Rezepten über die Bücher; dieser Trend wird nachhaltige Auswirkungen haben, wenn er auch politisch unterstützt wird.

Auch das Palmöl steht auf der Trend-Liste: ein in höchstem Masse kontroverses Produkt, einerseits aus der industriellen Lebensmittel-Verarbeitung nicht mehr wegzudenken, anderseits mit fatalen Auswirkungen auf die Umwelt und ganze Öko-Systeme in den Herstellungsländern. Hier ist in grossem Stil ein Umdenken gefordert, um dieses Oel salonfähig zu machen.

Der letzte Trend heisst schlicht und einfach „clean“: sauber, natürlich, transparent für die ganze Produktionslinie, in Erfüllung der Forderung, nur noch Dinge zu verzehren, die man kennt und von denen man weiss, wie sie hergestellt wurden.

Wir haben es in der Hand, diesen Trends in den kommenden Monaten zum Durchbruch zu verhelfen.

 




6/1  Cola vor Gericht

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 16:20

Das dürfte ein spektakulärer Gerichtsfall werden. In einer 40-seitigen Klageschrift werden die Hersteller von CocaCola und der amerikanische Getränke-Dachverband ABA vor den Richter gezerrt. Die Klagepunkte fassen all das zusammen, was man dem Getränke-Multi in den letzten Jahren immer wieder vorgeworfen hat: Irreführung der Öffentlichkeit durch falsche Werbe-Botschaften, Verbreitung von unwahren Behauptungen über den Zusammenhang zwischen dem Konsum von Süssgetränken und Adipositas/Diabetes 2, Finanzierung von Studien mit dem Zweck, diesen Zusammenhang zu widerlegen, und anderes mehr.

Die Anschuldigungen werden erhoben von einer NGO-Allianz von Organisationen, die sich der Wahrung der Interessen im Bereich öffentliche Gesundheit (Public Health) verschrieben haben. Grundlage sind die Gesetze in Kalifornien betr. unlauteren Wettbewerb und irreführende Werbung. Belangt werden insbesondere auch Verantwortliche der angeklagten Organisationen für offenbar bewusste Falschaussagen in dieser Sache. Zudem sollen etwa ErnährungsberaterInnen bestochen worden sein, damit sie CocaCola als „gesundes Getränk“ empfehlen (zitiert wird eine entsprechende Aussage, wonach eine Dose Cola ein „wertvoller Snack“ sei, so gut wie eine „Packung Mandeln“…)

Warten wir ab, wie sich dieser Prozess – wenn es denn dazu kommt – entwickelt und ob er einen Einfluss hat auf die künftige Marketingstrategie der Brause-Branche, für die der Cola-Konzeern jetzt stellvertretend vor dem Kadi steht.

 




5/1  Zuckerlose Verwirrung

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 16:39

Eine Studie, die zu Diskussionen Anlass geben wird. Da hatten wir uns auf einen gewissen Konsens geeinigt, dass „künstlich gesüsste“ Getränke auf jeden Fall besser seien als die herkömmlichen Zuckerbrausen, wenn jemand auf die Menge der konsumierten Kalorien achten wolle/müsse. Und die Limonadefabrikanten argumentierten bei jeder Kontroverse mit dem Faktum, dass sie ja zu allen ihren Produkte auch mindestens eine „ungezuckerte“ Alternative anböten, mit Zuckerersatzstoffen gesüsst und kalorienfrei.

Seit in Ländern wie Frankreich und Grossbritannien eine Zuckersteuer eingeführt wurde, haben die „künstlich gesüssten“ Getränke an Bedeutung gewonnen; weltweit machen sie schon 25 Prozent des gesamten Getränke-Umsatzes aus. Trotzdem sind die mit Zucker gesüssten Brausen weiterhin beliebt: Teenager in England nehmen einen Drittel ihres täglichen Zuckerkonsums in flüssiger Form zu sich! Also müssten die „künstlich gesüssten“ Getränke ein valabler Ersatz sein, nachdem die Weltgesundheitsorganisation unlängst und dringend empfohlen hat, nicht mehr als 10 % des täglichen Energiebedarfs durch Zucker zu befriedigen.

Und nun kommt eine Gruppe von Forschern mit einer Studie, die unsere bisherigen Annahmen klar in Frage stellt. Die „künstlich gesüssten“ Getränke würden nicht nur nichts beitragen zu einer Gewichtsreduktion, sie könnten darüber hinaus sogar aktiv beteiligt sein an der Ausbildung von Übergewicht und Diabetes! Zwar ist ein direkter Zusammenhang zwischen Süssstoffen und Adipositas nach wie vor nicht wissenschaftlich nachgewiesen, aber Indizien für indirekte Zusammenhänge verstärken sich der Studie zufolge: die Süssstoffe beeinflussen die Geschmacksrezeptoren für Süsses und veranlassen sie, bei anderen Speisen die stärker gezuckerten Varianten zu bevorzugen; zudem verleite das Wissen darum, dass man „kalorienreduzierte“ Getränke zu sich genommen habe, dazu, unbewusst beim Essen mit einer grösseren Menge zu „kompensieren“ (ein Effekt, der allgemein ja auch für kalorienreduzierte „Light“-Lebensmittel nachgewiesen ist).

Die Zucker- und Getränkeindustrie ist über diese neuen Forschungserkenntnisse verständlicherweise nicht erfreut. Es fehlt denn auch nicht an kritischen Vorbehalten gegenüber der Redlichkeit dieser Interpretation: in einer Zeit, wo man die Bevölkerung allgemein dazu anhalte, ihren Kalorien-Konsum zu reduzieren, sei es nicht hilfreich, ausgerechnet jene Getränke zu verteufeln, die weniger Kalorien enthielten… Dies führe nur zu Verunsicherung.

Muss man hier noch anmerken, dass gutes Trinkwasser, direkt aus der Leitung oder aus der gesunden Mineralwasserflasche, nach wie vor der optimale Durstlöscher ist, so lange wir das Glück haben, in genügender Menge darüber verfügen zu können?




4/1  Explosive Grafik

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 14:41

Ein Blick genügt. 40 Sekunden lang auf eine kleine, animierte Weltkarte. Im Sekundentakt verändert sich das Bild. Auf einer Farbskala von Weiss bis Dunkel-Violett-Rot wird der Anteil von Adipositas-Betroffenen an der erwachsenen Bevölkerung der jeweiligen Länder dargestellt. Ist die 20-Prozent-Grenze überschritten, erscheint erstmals die Farbe ROT.

Die Zeitung The Guardian publiziert in ihrer Online-Ausgabe diese eindrückliche Darstellung der Entwicklung der weltweiten Adipiositas-Epidemie im Lauf der letzten 40 Jahre. Pro Jahr eine Sekunde lang erscheint das jeweilige Weltbild, von 1975 bis 2014. Und macht deutlich, wie explosionsartig sich die Übergewichtsproblematik auf der ganzen Welt ausgebreitet hat und immer noch weiter verbreitet.

Am geringsten ist die Zunahme in den ruralen Landstrichen in Schwellenländern, so in Zentralafrika oder in Asien. Fährt man mit dem Cursor auf das entsprechende Land, wird die Zunahme in Prozenten seit 1975 angezeigt: praktisch überall hat sich der Anteil übergewichtiger Menschen drastisch vervielfacht. Grundlage für diese grafische Verdichtung ist die Auswertung von über 1’600 Studien aus 186 Ländern.

Eindrücklich ist z.B. die Entwicklung in China, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt: dort betrug der Anteil an Adipositas-Betroffenen im Jahr 1975 knappe 0,5 Prozent, Übergewicht war quasi unbekannt; innerhalb der 40 Jahre hat er sich mit heute 8 Prozent sage und schreibe versechzehnfacht! Kein Wunder, dass auch die Traditionelle Chinesische Medizin gezwungen war, Gegenmassnahmen auf der Basis ihrer Akupunktur-Erfahrung zu entwickeln…

Die Schweiz liegt mit 19,5 Prozent (ein Wert, der höher ist als die offiziellen Daten unserer Gesundheitserhebungen) leicht unter den europäischen Umländern, die um 21 Prozent ausweisen (die Franzosen sind mit 21,9 Prozent am schwersten), während England mit 27 Prozent schon im tiefroten Bereich leuchtet…

Allen, die versucht sind, aus welchen Gründen immer, die Adipositas-Problematik kleinzureden, muss die Betrachtung dieser Grafik dringend empfohlen werden. Ob das aber im postfaktischen Zeitalter etwas bringt, ist eine andere Frage.