15/1  Bravo Neuenburg!

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 17:30

Ein Kanton macht Druck. Als erstes gesetzgebendes Organ hat der Grossrat der Republik und des Kantons Neuenburg mit grosser Mehrheit ein Dekret verabschiedet „für eine Standesinitiative zuhanden der Bundesversammlung im Hinblick auf eine eidgenössische Gesetzgebung für gezuckerte Erzeugnisse und für eine Zulassungsbeschränkung von Lebensmitteln mit hoher Energiedichte.“ Dieses wurde heute in Bern der Gesundheitskommission des Ständerates präsentiert.

Damit soll die Bundesversammlung gebeten werden, „die Möglichkeiten einer spezifischen Gesetzgebung für gezuckerte Erzeugnisse zu prüfen und die gesetzlichen Anpassungen vorzunehmen, um die Zunahme von Diabetesepidemie und Fettleibigkeit wirkungsvoller zu bekämpfen und die dafür zur Verfügung stehenden Mittel zu erhöhen.“

Der Antrag ist recht umfassend und erhebt die folgenden Forderungen:

  • Die Gesetzgebung führt eine Abgabe auf den im Fabrikationsprozess zugefügten Zucker ein
  • Alle Einnahmen aus der Abgabe auf den im Fabrikationsprozess zugefügten Zucker werden für die Verhütung von Krankheiten eingesetzt, die in Verbindung mit dem Konsum von Zucker oder Süssstoffen entstehen
  • Die Gesetzgebung legt fest, welche Branchen der Lebensmittelindustrie der Abgabe auf gezuckerte Produkte unterstellt und welche davon befreit werden
  • Die Lebensmittel- und Gebrauchsgegenständeverordnung (LGV) wird geändert und legt die Beschränkungen für die Zulassung von Lebensmitteln mit hoher Energiedichte und die Werbung dafür fest

Der umfassend begründete und erläuterte Vorschlag für eine Standesinitiative wird nun auf den demokratischen Weg geschickt. Man darf gespannt sein auf das weitere Schicksal, das diesem Vorstoss in den eidgenössischen Räten bevorsteht.




11/1  Ampel-Lug und -Trug

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 17:46

Der Druck aus der Öffentlichkeit wächst. Selbst jene Kreise, die vehement jede Form einer fiskalischen Belastung von ungeeigneten Lebensmitteln bekämpfen (Stichwort: Zucker-, bzw. Fettsteuer), verlangen nun stattdessen eine klarere und leichter verständliche Kennzeichnung der in den Nahrungsmitteln enthaltenen Nährstoffe.

Und da zahlreiche Publikums-Tests in verschiedenen Ländern gezeigt haben, dass ein Ampel-System – mit Rot, Gelb, Grün – am besten verstanden würde, zeigt sich nun plötzlich auch die Lebensmittelindustrie geneigt, ein solches selbstsprechendes Modell europaweit einzuführen.

Hat da endlich die Vernunft gesiegt? – Mitnichten. Zu früh gefreut! Im Gegenteil: bei dem Vorschlag handelt es sich um einen cleveren Schachzug, die Forderung nach mehr und besserer Transparenz für ein taktisches Verschleierungs-Manöver zu missbrauchen.

Die Bewertung der einzelnen Komponenten eines Nahrungsmittels – Fett, gesättigte Fette, Zucker, Salz – erfolgt nicht etwa pro einer eindeutigen und vergleichbaren Gewichtseinheit wie 100 Gramm, sondern immer nur in Bezug auf eine vom Produzenten selbst bestimmte Portionen-Menge. Dadurch erscheinen nicht nur die Mengen an sich „kleiner“, auch die relativen Anteile am Tagesbedarf reduzieren sich, so dass die Ampel plötzlich von „Rot“ auf „Gelb“ oder sogar „Grün“ springt…

Die Deutsche Konsumenten-Organisation Foodwatch hat diesen Tatbestand untersucht und schlägt Alarm. Sie bleibt bei ihrer Forderung nach einer unabhängigen Instanz, welche die Lebensmittel-Ampel vergibt, nach einheitlichen und ernährungswissenschaftlich abgestützten Kriterien. Alles andere ist eine irreführende Verhöhnung jener Konsumenten, die darauf bedacht sind, sich bewusst zu ernähren.




10/1  Dicke Welt

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 15:15

Die geballte Ladung macht betroffen. Ende des letzten Jahres, vom September bis im Dezember, hat die New York Times eine Reihe von aufwändig recherchierten, wissenschaftlich fundierten Artikeln publiziert. Acht sind es insgesamt, ergänzt durch einen eindrücklichen Video-Bericht.

Thema: die Veränderung der Essgewohnheiten und deren gesundheitliche Auswirkungen in Entwicklungs- und Schwellenländern. Aufgezeigt wird dabei, wie rücksichtslos die globalen Food-Hersteller ihr Marketing vorantreiben, illustriert an Beispielen aus Brasilien, Ghana, Kolumbien, Mexico und Indien…

In Ghana zeigt sich, wie nach der flächendeckenden Einführung von Fastfood-Angeboten – insbesondere Kentucky Fried Chicken – sich das Essverhalten der Bevölkerung verändert und wie rapide sich eine Gewichtszunahme feststellen lässt. – Die Einbindung von Mexico in das Freihandelsabkommen NAFTA hat unmittelbar zu einer Veränderung der Ernährungskultur und damit auch zu einem Anstieg von neuen Volkskrankheiten geführt. – In bestimmten Ländern Asiens lassen sich Ernährungswissenschaftler von der Lebensmittelindustrie kaufen und verharmlose die Risiken, die durch die Hinwendung zum Fastfood-Konsum bestehen. – Indien „sitzt auf einem Diabetes-Vulkan“: geschildert wird der verzweifelte Kampf eines besorgten Vaters dagegen, dass sich im Umfeld von Schulen Fastfood-Ketten etablieren können. – In mehreren Ländern tobt ein erbitterter Kampf um die Einführung ener Zuckersteuer, wobei die Zuckerlobby immer unzimperlicher ihre Gegner unter Druck setzt…

Die Lektüre dieser Berichte ist eine Herausforderung. Eine diagonale Durchsicht der Inhalte führt zur Erkenntnis, dass die nach wie vor weltweit zunehmende Adipositas-Pandemie ebenso „menschgemacht“ ist wie die Klima-Erwärmung: dass sie sich durch ein verändertes Verhalten des Einzelnen kaum bewältigen lässt, aber dass auch dies eine so „unbequeme Wahrheit“ ist (im Sinne von Al Gore und dem Klimawandel), dass wir sie lieber verdrängen als uns ernsthaft damit zu befassen.




9/1  So isst Amerika

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 18:46

Trends über lange Zeit erfassen. Das ist das Ziel der Hartman Group, eines Forscherteams in USA, das seit 25 Jahren Daten erhebt zu den Ess- und Trinkgewohnheiten der US-BürgerInnen, und diese jeweils am Jahresende mit einigen markanten Eckdaten publiziert.

Im Rapport für 2017 werden die folgenden Resultate kommuniziert:

  • 65% der Befragten geben an, dass sie vermehrt auf die Qualität der Lebensmittel achten: frisch, regional, weniger verarbeitet
  • 45% sind interessiert daran, sich die Mühe des Einkaufs zu ersparen und sich statt dessen die frischen Zutaten für ihre Menüs liefern zu lassen
  • 91% geben an, dass sie neben den Hauptmahlzeiten mehrmals pro Tag etwas „snacken“
  • 47% sagen, dass sie ihren Tag ohne diese Zwischenmahlzeiten gar nicht überstehen könnten

Diese Zahlen sind sowohl positiv wie auch negativ zu werten: die Anzahl der „bewussten“ EsserInnen wächst; die Bereitschaft, zuhause zu kochen, ist vorhanden, wenn auch in Kombination mit einem Liefer-Service; auf der andern Seite scheint die Snack-Lust geradezu epidemisch zu sein, mit fast 50% Suchtfaktor. Das mag einerseits begründet sein in einem immer hektischeren Arbeitsalltag, in dem das Naschen und Snacken eine Flucht und eine Ablenkung (Trost, Belohnung?) bedeutet, gleichzeitig ist dieses (ungesunde) Verhalten aber auch begünstigt durch die permanente und umnipräsente Verfügbarkeit von Verpflegungsangeboten, denen kaum noch jemand zu entgehen vermag.

Amerika ist uns immer um einige Zeit voraus. Aber der Abstand wird kürzer. Manche der Hartman-Beobachtungen lassen sich hier bereits feststellen.




8/1  Jahresziel: Abnehmen!

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 21:47

Immer im Januar machen sich die Medien über die Dicken her. Der Vorsatz, endlich abzunehmen, wird in Wort und Bild umgesetzt und auf alle Arten und Weisen analysiert… – Die ARD ht heute ihr Abendprpogramm auf dieses Thema ausgerichtet.

Angefangen mit TV-Koch Tim Mälzer, der in seiner Serie Lebensmittel-Check der Frage nachging, was Diät-Konzepte bringen und was beim Abnehmen hilft. Ohne Illusion wird die Wirkungslosigkeit von „Diäten“ dokumentiert, u.a. anhand von vier Testpersonen, die vor sieben Jahren für eine Sendung vier verschiedene Diäten ein halbes Jahr lang ausprobiert haben (Weight Watchers, Low Carb, „Schlank im Schlaf“, Trennkost). Alle vier hatten damals Gewicht verloren. Und alle vier haben heute das „verlorene“ Gewicht wieder drauf – und z.T. deutlich mehr.

In Gesprächen mit Fachleuten und Spezialisten wird den verschiedenen Fragen rund um die Thematik von Übergewicht und Ernährung nachgegangen und die Bilanz ist am Schluss so vertraut wie ernüchternd: es gibt keine Allerweltsmethode für alle, jeder Fall von Übergewicht ist individuell verschieden und benötigt eine individuell abgestimmte Therapie; Diäten helfen nur kurzfristig, das Gewicht kommt zurück; alle Abnehm-Pillen sind unwirksam; eine dauernde Ernährungsumstellung soll in kleine Schritten erfolgen, unterstützt durch massvolle Bewegung.

Ja, Tim Mälzer, das hätten wir eigentlich auch gewusst. Aber vielleicht hilft es ja etwas, wenn die Botschaft am Fernsehen kommt.

In der anschliessenden Show-Debatte „Hart aber fair“ geht es weiter zur Sache: „Wampe oder Waschbrettbauch“ lautet dort die Frage, die Frank Plasberg in die Runde wirft. Wir bleiben dran.




5/1  Die SOS-Diät

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 14:37

Der Moderator war begeistert. Ein graumelierter Herr an einem Stehtisch, im Mittagsmagazin des Mitteldeutschen Rundfunks. Ihm gegenüber eine elegante Dame, die in kurzatmigem Staccato auf seine einfühlsamen und bewundernden Fragen Auskunft gab.

Sie hat in einem Jahr 60 Kilo abgenommen, von 130 auf 70, und fühlt sich wie neu geboren. Wie ihr das denn gelungen sei? Mit der SOS-Diät, sagt sie. SOS ist nicht nur ein Notrufsignal, in diesem Fall ist es das Kürzel für: Schlank ohne Sport.

Das ist eine Botschaft zum Jahresbeginn, die gerne gehört wird von allen Bewegungsmuffeln. Worum geht es bei diesem Ernährungskonzept? Angepriesen wird es in Frauenzeitschriften als Wunderdiät für den wirksamen Quickie: in 7 Tagen bis zu 4 Kilo abnehmen!

Für diese sieben Tage gibt es einen strikten Menüplan: am ersten Tag nur Früchte, am zweiten nur Gemüse, am dritten Früchte und Gemüse, am vierten Bananen oder Avocados und Bouillon, am fünften Tomaten und mageres Fleisch, am sechsten mageres Rindfleisch mit Gemüse, am letzten dann Reis mit Gemüse und Fruchtsäfte, selbstgepresst.

Dazu weitere Regeln: zum Trinken nur Wasser ohne Kohlensäure, grundsätzlich keinen Zucker und keine zuckerhaltigen Fertigprodukte. So wie es aussieht gibt es auch keine Milchprodukte. Und nur drei Mahlzeiten pro Tag, die letzte vor 18 Uhr.

Angesichts der sehr eingeschränkten Ernährungsvariationen bekommt der Begriff SOS auf Dauer dann vielleicht wieder seine ursprüngliche Bedeutung zurück. Was ist von dieser Diät zu halten? Wenn sie funktioniert und passt, dann ist das doch bestens und ok. Nach dem Motto: Wer heilt hat recht. Der Verzicht auf Zucker ist nur zu empfehlen, die Einschränkung des Fleisch-Verzehrs ist prima und wenn die Dame damit leben kann, so hat sie auf der ganzen Linie gewonnen, ohne Risiken und Nebenwirkungen.

Sie will jetzt als Diät-Coach durch die ostdeutschen Lande tingeln. Schauen wir, was in ein paar Jahren daraus geworden ist.




4/1  Gewichtstabelle

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 17:19

Es ist ein alljährliches Ritual. In den ersten Tagen eines neuen Jahres erstelle ich mir am PC eine Gewichtstabelle. 14 Kolonnen senkrecht, 32 waagrecht, für jeden Tag des Jahres ein Feld, in das ich dann fein säuberlich jeden Morgen mein aktuelles Gewicht eintrage. Die tägliche Kontrolle entscheidet über Erfolg oder Misserfolg meiner Gewichtsreduktion. Aber ich habe die fatale Neigung, mich selber immer wieder etwa auszutricksen.

Habe ich mal die Ernährungsdisziplin missachtet, zu viel oder das Falsche mit Genuss genossen, würde sich das am nächsten Morgen sofort auf der Waage manifestieren. Daher gibt es Tage, an denen mache ich einen grossen Bogen um das Messgerät, das mit seiner sauberen Glasfläche so einladend neben meinem Bürotisch steht. Das entsprechende Feld bleibt leer, in der Hoffnung, dass am folgenden Tag dann der Fauxpas ausgebügelt ist.

Im Verlauf des letzten Jahres hatte ich begonnen, mein Essen und das Tagesgewicht in der App FatSecret zu registrieren. Dort werden die Gewichtsangaben in Relation zu einem angestrebten Zielgewicht gesetzt, mit einer grafischen Kurve abgebildet und die Fortschritte bzw. das Versagen augenfällig in einer aktuellen Zwischenbilanz ausgewiesen.

Dieses System lässt sich nicht überlisten. Verzichte ich auf die Aktualisierung der Daten, so bekomme ich nach wenigen Tagen ein Mail, in dem ich dringend gemahnt werde, meine Chronistenpflicht nicht zu vernachlässigen. Man kontrolliert mich also irgendwo oben, in der Wolke, wo offenbar die Daten der über 30 Millionen User, die mit diesem System arbeiten, laufend verfolgt und ausgewertet werden.

Deshalb bin ich zu meinem Papierblatt zurückgekommen. Es hängt an der Schrank-Innenseite neben meinem Bett. Und ausser mir kontrolliert da keiner den Erfolg oder Misserfolg meiner Wägerei. Ich habe mir deshalb vorgenommen, in diesem Jahr konsequent auch die unbequemen Fakten zu protokollieren.

Wetten werden entgegengenommen, wie lange das anhält.