16/6  Verwaltete Sorge

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 16:59

Vielleicht ist die Übersetzung etwas abwertend, aber vielleicht kommt es auch nicht von ungefähr, dass der Begriff im alltäglichen Gebrauch meist in seiner englischen Ur-Fassung belassen wird: Managed Care. Es geht darum, die medizinische Betreuung der Patienten ganzheitlich zu organisieren in Form von Netzwerken, in denen die verschiedenen Angebote und Leistungen gebündelt sind um so eine – hoffentlich – bessere Nutzung der Ressourcen aber auch eine kompetentere Betreuung der Patienten zu gewährleisten.

Als Vertreter einer Patienten-Organisation war ich zu einer Podiumsdiskussion eingeladen worden und konnte die Problematik am Beispiel der Adipositas erläutern, die als pluridisziplinäre chronische Krankheit viele Facetten dieser Diskussion berührt. Im Publikum sassen vorwiegend Medizinalpersonen, von Ärzten über SpezialistInnen bis zu paramedizinischen Berufen, Einzelpersonen sowohl wie auch StandesvertreterInnen. Aber auch Leute von krankenkassen und aus der Politik.

Einleitend gab es einige Referate – Key Notes -, so z.B. von Jens Alder. Der ehemalige Swisscom-Chef hat nach einem Abstecher ins Ausland als Präsident zu einer Krankenversicherung gewechselt. Er stellte eine Reihe von Thesen auf, die Parallelen zwischen dem Gesundheitswesen und der IT-Branche illustrieren sollten. Diese Thesen sind auf den ersten Blick einleuchtend: a) der Patient ist mündig und kompetent; b) wer gegen Transparenz ist, hat etwas zu verbergen; c) der Patient ist ein Kunde; d) wer zahlt, befiehlt (gemeint sind die Kassen, welche 30% der Kosten tragen); e) statt von „Kosten“ sollte man im Gesundheitswesen von „Preis“ reden, der ins Verhältnis zur Leistung zu setzen ist; f) allein der Wettbewerb garantiert die Qualität (daher ist eine Einheitskasse abzulehnen); g) der Service-Public Gedanke heisst nicht, dass die Leistungen vom Staat zu erbringen sind, sie sollen an Private vergeben und dem Wettbefwerb ausgesetzt werden; und h) Managed Care ist kein Allheilmittel für die Lösung unserer Probleme.

Ich habe mich auf dem Podium mit den meisten dieser Thesen kritisch auseinandergesetzt: von wegen „mündigem Patienten“: der sieht sich heute vor einem Wust an Informationen und Pseudoinformationen, wird von gesundheitsrelevanter Werbung zugemüllt und hat die grösste Mühe, zu entscheiden, wem er was glauben soll oder nicht… Von wegen „Kunde“: in vielen Fällen hat er schon heute keine freie Wahl und ist den Experten und ihrem Fachwissen ausgeliefert, er muss seine Prämien zahlen, bevor er genau weiss, wie die Gegenleistung in der Realität aussehen wird; von wegen „wer zahlt befiehlt“: der einzige, der in dieser Sache überhaupt zur Kasse gebeten wird, ist der Patient! Der zahlt ein Leben lang seine Prämien an die Kasse, er finanziert über die Steuern den Anteil der öffentlichen Hand an den Pflegekosten und er berappt schliesslich noch seinen Selbstbehalt… mit dieser Eigentums-Auffassung hätte Alder ebenso gut einen Job bei der UBS übernehmen können…

Gut, das ist Nebengeplänkel. Im Kern ging es um die Frage, ob das Managed-Care-Modell in der Schweiz eine Chance hat. Und da waren sich alle einig: eigentlich ist es zwingend notwendig, dass die Entwicklung in diese Richtung geht, aber gleichzeitig gibt es kritische Erfahrungen bei der bisherigen Umsetzung, die zeigen, dass noch ein extremer Klärungs- und Regelungsbedarf besteht, ehe das Modell Erfolg versprechen kann. Und unausgesprochen stand auch die Tatsache im Raum und über den rund 300 TeilnehmerInnen, dass auch das beste integrierte Modell auf Dauer eine Zwei- oder Mehrklassen-Medizin nicht zu verhindern vermag, in der sich die besser Situierten und Wohlhabenden einen exklusiveren Gesundheits-Service leisten können als das gewöhnliche Volk.


Ein Kommentar zu “Verwaltete Sorge”

  1. Renward Hauser sagt:

    Das „neoliberale“, besser das marktwirtschaftliche Weltbild ist wohl die treibende Kraft in der Diskussion um die „verwaltete Sorge“. Dass die Verfügbarkeit des Geldes in einer Gesellschaft Grenzen hat, ist eine Platitude. Deshalb ja auch die delikate Diskussion um die Verteilung wer wovon wievel erhalten soll und darf. Aber: wenn wir Patienten werden, sind wir eben nicht mehr frei und sind nicht mehr mündig, wenn es um die Behandlung unseres Leidens geht. Das Leiden und die Angst vor Beeinträchtigung und Tod knechten uns alle. Wir sind nicht die „frei“ agierenden Players, wie sie der allseits gepriesene „Markt“ sich wünscht, damit er mit unsichtbarer Hand alles zum Besten und Weisen regle. Das Gesundheitswesen, oder eben immer noch ehrlicher: die Behandlung von Krankheit und erst sekundär die Verhütung der Krankheit und dann noch Wohlbefinden (wellness) ist nie ein freier Markt gewesen und kann es auch nie werden, denn der Kunde oder Käufer ist niemals frei, sondern in Not. Nur die Verkäufer, die Krämer sind frei in ihrem Angebot und die sind so frei, anzubieten, was sich auszahlt. Chronische Krankheiten zahlen sich nie aus und sind auch nie zu Vollkosten bezahlbar. Folglich wäre der einzig richtige, neoliberale Schluss zum sozio-ökonomischen Darwinismus (survival of the fittest; ein unsäglicher Euphemismus, die Abläufe der Natur mit den menschlichen Marktmechanismen gleich zu setzen): lasst sie alle möglichst rasch aussterben und dafr sorgen nun Verwalter (Manager). Der alte Kapitalismus lässt den „Unternehmer“, der ein eigenes Risiko auf sich zu nehmen und nicht nur fremde Gewinne zu verteilen hat, hochleben. Nun, der Patient ist ein „Unternehmer“ mit dem letztmöglichen und höchsten Risiko. Dem seiner Gesundung und dem seines Lebens. Jetzt soll der Patron also einen Gesindheits-CEO beiseite gestellt erhalten. Der wird ihm dann auch erzählen, wann und wie der Patron sich aus dem Geschäft zu verabschieden hat. Höchste Zeit, dass sich die betroffene und stets schweigende weil angeblich inkompetente Masse (heute noch gesund und Nettozahler über Präme und Steuer, morgen vom Leben bedrohter Patient und hoffender Bezüger) den „Experten“ der politisierenden Gruppen (die selbsterklärt keine fremden Interessen vertreten) kundtut, was sie eigentlich will. Vielleicht werden die kommenden Krisenjahre nach Einführung der neugeredeten Tarife ab 2012 auch die noch Gesunden aufwecken. Ich beklage lediglich, dass wir in unserer gemeinsamen Geschichte für die Bewältigung eines Problems stets alles zerschlagen müssen, um nachher gemeinsam so viele und elementare Schwerigkeiten bewältigen zu müssen, dass wir keine Zeit und Energie mehr haben, uns weiter zu beschweren.

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