2/10  Krank geschrieben

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 17:22

Das war mal wieder so ein Neugierde-Sympathie-Kauf: „Jetzt droht ihr ein Leben im ROLLSTUHL!“ prangt in grossen Lettern auf der Glückspost-Titelseite. Ihr – das ist Nella Martinetti. Und die Drohung trifft mich hart, wir kennen uns von früher, auch sie kämpft mit Adipositas und in letzter Zeit dazu noch mit Fibromyalgie, dem chronisch schmerzhaften Weichteilrheuma.

Und jetzt noch das! Ein neuer, vernichtender medizinischer Befund muss es sein, unausweichlich das Schicksal, den Rest des Lebens im Rollstuhl zu verbringen. – Allerdings, nachdem ich den Artikel gelesen habe, ist alles wieder einmal bei Weitem nicht so dramatisch… Nella „hat Angst“, dass sie vielleicht einmal nicht mehr gehen könnte und eventuell auf einen Rollstuhl angewiesen wäre. Ihre Ärzte sagen zwar, dass „es nicht unbedingt soweit kommen muss“… und eigentlich, meint sie, möchte sie am liebsten „eine Art Tanztherapie“ machen, da sie sich ja mehr bewegen sollte, nicht zuletzt wegen des Übergewichtes.

Ach Nella, du bist ein tapferer Mensch. Du gehst mit immer wieder neuer Lebenszuversicht durch so viele Schicksalsschläge, die dir die Medien versetzen. Du versuchst, das Beste daraus zu machen und den Kopf oben zu behalten. Du hast Pläne und Aktivitäten vor dir. Lass dich nicht unterkriegen durch diese Aasgeierschreibereien, die nur darauf angelegt sind, so gutmütige Trottel wie mich zum Blattkauf zu veranlassen. – Allerdings: war diese Erkenntnis die drei Franken fünfzig Wert?




1/10  In eigener Gewichtssache

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 16:02

Bin heute Morgen wieder mal auf die Waage gestanden. – An sich ist es ja vertrauensbildend, wenn Leute, die sich für Übergewichtige einsetzen, aus eigener Erfahrung wissen, wovon die Rede ist. Nichts ist unglaubwürdiger als ein Adipositas-Spezialist, der sein Leben lang spindeldürr war. Auf der andern Seite: Zuviel sollte es auch wieder nicht sein.

Vor acht Jahren wog ich 165 Kilo und die Schweizerische Adipositas-Stiftung SAPS wurde gerade ins Leben gerufen. Als einer der „Vorzeige-Dicken“ dieses Landes bin ich als Mitglied für den Stiftungsrat angefragt worden. Weil ich wollte, dass sich etwas ändert, auch für mich selber, sagte ich zu. Unter ärztlicher Aufsicht nahm ich 35 Kilo ab, begleitet von anteilnehmenden Medien, und wurde so etwas wie ein Muster-Erfolgspatient, da ich das neue Gewicht auch einige Jahre lang halten konnte.

Dann kamen die ersten „saisonalen Schwankungen“, wie ich die Folgen von Festtags-Schlemmereien zu umschreiben pflege. Und langsam, ganz langsam schlichen sich einzelne der verloren geglaubten Kilos wieder an. – In den letzten Monaten unternahm ich verschiedene Selbstversuche mit neuen und alternativen Therapien. Eine Dinner-Cancelling-Woche etwa, mit Tagebuch für eine Zeitschrift. Dann Akupunktur, mit extra langen Nadeln bis tief zu den Innereien… Oder ein „natürliches“ Präparat, dem sein Promotor nachsagte, es vermöge für drei Tage jedes Hungergefühl zu stillen… – Und da ich die Wirkung der zu testenden Produkte echt auf die Probe stellen wollte, musste ich ja wohl auch eine Herausforderung schaffen – und in dieser Zeit ordentlich futtern…

Mit dem Effekt, dass das Display der Waage wieder eine 144 zeigt. Das Mass ist überschritten. So viel Vertrauen muss nicht gebildet werden. Ich bin jetzt zwar Präsident, aber umso mehr gefordert. Und darum vielleicht auch ein Vorbild. Versuchen wir es wieder in den Griff zu bekommen.




30/9  Essen für einen guten Zweck

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 15:42

Heute Vernissage für ein ungewöhnliches Kochbuch. Als langjähriges Mitglied des Stiftungsrates von „Denk an mich“ bin ich eingeladen zur Präsentation. Es sind mehr Leute gekommen, als erwartet wurden, und die leckere Bündner Gerstensuppe füllt mit ihrem appetitanregenden Duft den ganzen ersten Stock der frisch renovierten Buchhandlung „Orell Füssli“ bei der Bahnhofstrasse in Zürich aus.

„Suppentalk“ heisst das Buch. Geschrieben hat es die Radiofrau Jeannette Plattner, die zusammen mit ihrem Mann Martin vor vier Jahrzehnten die Spendenorganisation „Denk an mich“ ins Leben gerufen und seither immer wieder neue und kreative Möglichkeiten gefunden hat, auf das Anliegen der Stiftung aufmerksam zu machen und das dringend für Hilfe benötigte Geld einzutreiben.

Um Menschen, Menüs und Manuskripte geht es. 25 Porträts von mehr oder weniger bekannten oder prominenten Menschen, begleitet von deren Lieblingsrezepten (viele davon Suppen) und mit Hinweisen auf die jeweilige Lieblingsliteratur. Vom „Couscous mit Ragout“ des Knie-Zirkuskochs bis zum Hörnliauflauf, den Pepe Lienhard macht, vom Wirz-Hackfleich-Gratin der Bäuerin Käthi Alder bis zur Randensuppe aus Polen von TV-Mann Stefan Tabacznik, von der grünen Bohnensuppe, wie sie die CVP-Präsidentin Doris Leuthard bereitet, bis zur Fischsuppe von DRS-Radiodirektor Walter Rüegg… es ist ein breites, farbiges und abwechslungsreiches Spektrum, das sich da kulinarisch wie menschlich auftut. – Allen Porträtierten gemeinsam sind ein soziales Engagement und ein zum Teil langjähriger persönlicher Bezug zu „Denk an mich“.

Wer in seinem kulinarischen Alltag quasi mit der Pipette auf Fett, Kohlenhydrate und Kalorien achten muss, nimmt mit Freude zur Kenntnis, wie reich und nahrhaft diese Speisen ausgelegt sind und freut sich, dass das Schlemmen einem guten Zweck dient.

Das Buch „Suppentalk“, erschienen im FONA-Verlag, ISBN 3-03780-222-7, kostet CHF 35.– bzw. Euro 24.–; wird es direkt bei „Denk an mich“ bestellt, gehen davon CHF 15.– als Spende an die Stiftung. – Bestelladresse: denkanmich@denkanmich.ch




29/9  Krasse Krankenkassen

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 10:29

Alles spricht von der neuerlichen Kostenexplosion bei den Prämien und der heutige „Blick“ stellt einen Drittel aller ParlamentarierInnen an den publizistischen Pranger als „Krankenkassen-Lobbyisten im Bundeshaus“ und als Interessenverteter der Pharma-Industrie, der Spitäler oder anderer Gesundheits-Verbände (darunter auch erfreulich viele Patienten-Organisationen).

Können wir sicher sein, dass die anderen zwei Drittel effektiv die Interessen des Volkes, von dem ja alle gewählt sind, vertreten? Wer lebt auf dem Buckel der Kranken seine Spar-Hysterie aus?

Und die Wirtschafts-Denkfabrik „Avenir Suisse“ prognostiziert eine „Umverteilung“ der Gesundheitskosten in Höhe von 10 Milliarden von den Jüngeren auf die über 60-Jährigen – und propagiert deshalb eine selektive Mehrbelastung älterer Menschen bei Prämien und beim Selbstbehalt.

Diese krasse Diskriminierung kennen Adipositas-Kranke bereits heute: Eine der bisher erfolgreichsten Interventionen bei lebensbedrohlichem Übergewicht sind die chirurgischen Eingriffe mit Magenband oder -Bypass. Aber das Krankenversicherungs-Gesetz KVG schliesst bei Patienten, die älter als 60 sind, eine solche Operation von der Kassenpflicht per definitionem aus! – Krebsoperationen kennen keine Altergrenze, auch wenn die Betroffenen ein Leben lang geraucht haben.

Es gibt noch viel zu tun, um eine patienten-orientierte Gerechtigkeit im Krankenkassenwesen zu schaffen. Mit den jeweiligen Aufrufen, hurtig mit der Grundversicherung zur nächst billigeren Kasse zu wechseln, wird das Problem nur verschleiert.




28/9  Schöne neue Essens-Welt

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 16:20

In der heutigen NZZ gelesen: „Nutrigenomik“ heisst das Zauberwort. Es bedeutet, dass in (vielleicht nicht allzu ferner) Zukunft die Mahlzeiten vor ihrer Zubereitung minuziös auf die individuellen Ernährungsbedürfnisse der Einzelnen abgestimmt werden können, indem der Gast (im Restaurant?) eine kleine DNA-Probe abgibt, die in einer Blitz-Analyse untersucht wird, worauf die Zusammensetzung des Menüs präzise auf die spezuiellen Bedürfnisse dieses Menschen ausgerichtet wird…

Fertig ist es dann mit dem Lust- und Frustfressen ja nach Stimmungs-Hoch oder -Tief, der elektronische Doktor Allwissend konfektioniert dir deine Mahlzeit gesundheitlich korrekt (healthly correctness!) und gibt dir genau das zu essen, was dein Körper braucht, um gesund zu bleiben (oder eben: um abzunehmen). – Besteht da nicht die Gefahr, dass man dann jeden Tag die gleiche synthetische Pampe kriegt?

Dass Gesundheit und Ernährung eng miteinander verbunden sind, das wussten schon unsere Ahnen; dieses Wissen ist im Lauf der Zeit mehr und mehr verloren gegangen. Soll man es nun über die DNA-Doppelhelix wieder in unser Unterbewusstsein einschleusen? – Jedenfalls hat die EU offenbar für die nächsten sechs Jahre bereits 23 Millionen Euro für die entsprechende Forschung bereitgestellt.

„Designer-Diäten“ lautet das Programm, welches Wissenschaft und Lebensmittelindustrie gleichermassen fasziniert. – Am Schluss muss es dann nur noch jemand schlucken – und bezahlen.




27/9  In Frigo Veritas

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 20:56

Heute Netzwerktagung in Magglingen, Thema: Bewegung, Kraft und Ernährung im Alter. – Ein mitreissendes Referat der Ernährungspezialistin Véronique Girod vom Unispital Genf, ganz an der Praxis orientiert, nach einer intensiven Feldarbeit mit betagten Menschen in ihrem Kampf mit den Tücken des Alltags, von der Menü-Planung über den mühsamen und oft hindernisreichen Einkauf im Grossverteiler bis zur Zubereitung der Speisen unter erschwerten Umständen… – Eines der eindrücklichsten Kapitel: wovon ernähren sich alleinstehende ältere Menschen?

Aufschlussreich ist der Blick in den Kühlschrank: In Frigo Veritas. Wenn hier die Leere gähnt, ist es ein sicheres Zeichen, dass nicht mehr ausreichend und gesund gegessen wird… Auch wenn im Alter die Kräfte schwinden und der Energieverbrauch zurückgeht, braucht doch gerade der gealterte Körper ausreichend Nährstoffe, um gesund zu bleiben. – Und das ist das Paradoxe an der Sache: während wir Übergewichtigen und schwer tun, leichter zu werden, indem wir die Energiezufuhr zu drosseln versuchen, müssen alte Menschen motiviert werden, genug und ausreichend zu essen, um bei Kräften zu bleiben.

Die Wahrheit wartet im Kühlschrank: auch ich bin sehr oft weit davon entfernt, mich ausgewogen und optimal zu ernähren. Licht aus und Türe zu!




26/9  Das fängt ja gut an!

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 11:31

Zurück zum Start! – Nun haben wir es schwarz auf weiss, wissenschaftlich erhärtet und bewiesen, was wir in den letzten Jahren als Vorurteil bekämpft haben: Dicke sind doch dumm!

Als Rosmarie Burri Ende der Siebzigerjahre ihre erschütternde und aufwühlende Autobiografie „Dick und dumm“ veröffentlichte, haben wir uns engagiert und dieser mutigen Kampfansage an ein in vielen Köpfen fest verwurzeltes Vorurteil unsere Anerkennung gezollt. Endlich wagte es jemand, dieser unsäglichen Vorverurteilung aus praktischer Erfahrung und mit dem persönlichen Beispiel zu begegnen!

Und nun lesen wir im Abstand von wenigen Tagen von der Publikation wissenschaftlicher Studien an Tausenden von Kindern und Jugendlichen, die nach ihrem TV-Konsum befragt wurden. Demnach ist es zweifelsfrei erwiesen, dass jene Kinder, die viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen, nicht nur dicker sind, sondern auch dümmer als jene, die weniger oft vor der Mattscheibe sitzen. Eine fatale Koinzidenz!

An sich ist ja schon aus früheren Studien bekannt, dass es einen direkten Zusammenhang gibt zwischen dem kindlichen Übergewicht und der Zeit, die Jugendliche passiv vor der Glotze zubringen, sei es nun mit Lernprogrammen, Video-Spielen oder mit TV-Gucken: Die Bildschirm-Zeit geht an der Zeit für körperliche Bewegung ab. Und diese fehlende physische Aktivität ist – neben oder gerade wegen den neuen Essgewohnheiten – der Hauptgrund dafür, dass immer mehr Kids an Gewicht zulegen.

Und jetzt wird die „Schuld“ durch breit angelegte Forschung klar lokalisiert: It’s TV, stupid! – Was lernen wir daraus?

Mit eBalance auf dem Bildschirm zum Wunschgewicht – das ist das Eine. Und das wird eine spannende Sache. Aber auf der andern Seite muss es darum gehen, den Jungen und Jüngsten so früh wie möglich einen bewussten und selbst verantworteten Umgang mit dem Bildmedium beizubringen, damit sich später nicht die Katze in den Schwanz beisst. Ein spannender Auftakt und eine echte Herausforderung.