4/2  Die Jesus-Diät

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 22:58

Morgen (oder heute, wenn Sie das erst morgen lesen) ist Sonntag. Der Tag des Herrn. Und da stellt sich natürlich die Frage: Finden Menschen, die abnehmen wollen, bei diesem – dem Herrn – allenfalls höheren Rat und ultimative Hilfe? Man soll ja nichts unversucht lassen.

Und in der Tat: Aus Amerika, dem Land mit dem gottesfürchtigsten Führer, den es je hatte, kommt die fromme Kunde, dass der rechte Glaube und die richtige Diät alle Krankheiten besiegen könnten. Das Ding nennt sich Hallelujah Acres, mit dem Zusatz: „The biblical diet“, und es liest sich eigentlich recht vernünftig:

Zehn Empfehlungen gibt das Programm: Man soll den Geist neu programmieren mit dem Wissen darum, wie der Körper funktioniert; man soll mehr „lebendiges Essen“ zu sich nehmen (will sagen: Rohkost), frische Gemüsesäfte und destilliertes Wasser trinken, sich mehr bewegen, wenns geht im Sonnenschein, mehr Faserstoffe essen, keine tierischen Produkte zu sich nehmen, keine vorfabrizierten Lebensmittel, genügend Ruhe und keinen Stress… und schliesslich: „Lass dir helfen!“

Von wem? Natürlich von der Organisation, die sich „Halellujah Acres“ nennt, also „Halleluja-Feld“. Dabei handelt es sich um eine christliche, nicht-konfesssionelle Kirche, die in Mexico über eine eigene Klinik verfügt und zahlreiche Nahrungsmittel und Spezialprodukte vertreibt, für die sich inzwischen ein Millionen-Markt entwickelt hat. Einer der Gurus dieser Bewegung ist ein Arzt aus Florida, Dr. Don Colbert, der einen Bestseller verfasst hat zum Thama „Was würde Jesus essen?“

Auslöser war eine Studie, die zum Schluss kam, dass besonders fromme Christen in der Regel dicker sind als als die weniger Gläubigen. Denn diese kompensieren ihre Enthaltsamkeit von den üblichen „Lastern“ oft mit Essen… Was soll man davon halten? Rohkost ist Geschmackssache und Glaube gehört in den persönlichen Privatbereich. Und wenn Glauben selig macht – warum sollte es wohl nicht auch ein wenig schlanker machen können? Hauptsache: gesunde Ernährung.




3/2  11,6 Kilogramm

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 22:29

Soviel Schokolade haben wir im letzten Jahr pro Kopf in der Schweiz verspeist, durchschnittlich. Und wenn man davon ausgeht, dass es Leute gibt, die Schokolade gar nicht mögen, so muss ich annehmen, dass ich selber, der ich Schokolade liebe, mehr als 11,6 Kilo gegessen habe.

Das sind – immer noch im Durchschnitt gerechnet – 116 Tafeln. Macht also jeden dritten Tag eine Tafel. Hell, dunkel, bitterschwarz, weiss, gefüllt, mit Nüssen, in Form von Pralinés, oder als Osterhasen, Samichläuse, als kleines Bödeli beim Schoggischümli, in flüssigem Zustand mit dem Kakaogetränk, als Schoggitaler für einen guten Zweck oder im teuren Restaurant als Mousse, als Branchli, sec oder in ein Gipfeli eingebacken oder als Soft-Ice im Sommer vom Cornet geleckt…

Rund 200 Schokolade-Speisen listet das eBalance-Lebensmittel-Verzeichnis auf, und für die gewöhnliche Milchschokolade werden pro 100 Gramm die folgenden Nährwerte ausgewiesen: 550 kcal, 50 g Kohlenhydrate, 36 g Fett. – Dann macht das im Jahr: ca. 4,2 Kilo Fett, 5,8 Kilo Kohlenhydrate und 63’800 Kalorien… Und wenn man davon ausgeht, dass 7’000 Kalorien, die man „zuviel“ aufnimmt, ohne sie wieder zu verbrennen, ein Kilo zusätzliches Körpergewicht bedeuten, dann hat man dank der Swiss Chocolate im letzten Jahr ganze 9 Kilo zugenommen, durchschnittlich und theoretisch.

Und dies wiederum bestätigt die These, die da sagt: Da Schokolade beim Verzehr erwiesenermassen Glücksgefühle auslöst, ist es absolut legitim, ab und zu davon zu naschen. Aber wenn man das tut, dann soll es qualitativ die beste sein, und man soll sie richtig nach Herzenslust geniessen, zergehen lassen, auskosten… aber eben: mit Mass.

Da habe ich doch kürzlich von Schokolade-Massagen gelesen und stelle mir das – bei vernünftigen Preisen – auch ganz genüsslich vor… wobei ich mich bzw. meine Zunge dann schwer im Zaum halten müsste, um zu verhindern, dass der massagebedingte Schokoladeguss nicht „erschwerend“ dazu kommt.




2/2  Kids im Zwiespalt

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 22:16

Da ist dieser Tage die Meldung durch die Medien gegangen, dass bei der Casting-Show für Model-Nachwuchs Germany’s Next Topmodel, die von Supermodel Heidi Klum präsentiert wird, eine junge Frau zurückgewiesen wurde, weil sie bei einer Grösse von 176 cm mit 52 Kilo „zu dick“ sei.

Dabei entspricht dies einem Body Mass Index (BMI) von gerade mal 16.7, was klar im „untergewichtigen“ Bereich ist, denn als „normalgewichtig“ gilt ein BMI zwischen 18.5 und 25. – Man habe, wird die Jury zitiert, sich „an der Realität orientiert“. Womit allerdings nicht die Realität auf den Supermärkten und in den Frittenbuden gemeint ist, sondern offenbar die Scheinrealität auf den Laufstegen, den Catwalks, wo die ausgemergelten Girls mit ausgefallenen Kleidern herumsteigen wie der berühmte Storch im Salat…

Haben solche Shows Signalcharakter, indem sie zur Nachahmung ermuntern? Nimmt die Zahl der Mädchen, die sich den Finger in den Hals stecken, deswegen zu? – Wir wissen es nicht. Befürchtet wird es von einzelnen Kommentatoren… – Aber dann gibt es da ja auch noch andere Vorbilder, die in eine andere Richtung weisen:

Auf MTV läuft die Andy Milonakis-Show, in der ein fetter Junge ausgefallene Streiche ausheckt und in die Tat umsetzt und unter anderem lustvoll in sich hineinstopft, was dick macht, je dicker desto lustvoller… Hat auch dies Nachahmer-Effekte, indem die Kids stolz sind, wenn sie Empfehlungen für vernünftiges Essen in den Wind schalgen können? Wir wissen es nicht. Was ich weiss: es war früher einfacher, als junger Mensch nicht das Falsche zu tun…




1/2  Ein Lehrstück zum Abnehmen

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:02

Vor einigen Jahren war er DIE Abnehm-Legende: der Radprofi Jean Nuttli aus Kriens. Er hatte sein eigenes Körpergewicht um die Hälte reduziert, von 120 zurück auf 60, mit intensivstem körperlichem Einsatz auf dem Velo-Trainer und mit einer radikalen Ernährungsumstellung. Ich bin ihm einmal in einer TV-Sendung begegnet und war zutiefst beeindruckt vom zähen Willen und von der extremen Beharrlichkeit, mit der er gegen seine Veranlagung vorgegangen war, Fett zu speichern und Gewicht zuzulegen.

Nun habe ich ihn wieder gesehen, in der SF 1-Sendung „Reporter“, die ihn porträtierte in seinem Kampf um jedes Kilo. Und da wurde mir erst so richtig bewusst, in welch schwierige Lage Nuttli sich durch den jahrelangen „Missbrauch“ seines Körpers und dessen Versorgungssysteme gebracht hatte.

Bis zu sechs Stunden am Tag hatte er seinen Körper – drahtig und ausgemergelt – mit Liegestützen, Rumpfbeugen und Velofahren gefordert, dazu eine absolut einseitige Diät zu sich genommen, gar keine Kohlenhydrate, Früchte, viel Vitamine und Ersatzpulver aller Art… in ständiger, panischer Angst, durch einen unbedachten Bissen, eine „normale“ Mahlzeit oder ein Bier sofort wieder zuzunehmen, kiloweise und unkontrolliert.

Endlich dann der Gang zum Spezialisten, der eine präzise Analyse vornehmen liess, wie Nuttlis Stoffwechsel überhaupt „funktioniert“, wie sein Körper die verschiedenen „Betriebsstoffe“ verbrennt, welche Prozesse ablaufen und wo ein Mangel besteht. Und siehe da: Durch das Leben „wie ein Neandertaler“ (ständig in Bewegung und nur ein Minimum an substanzieller Nahrung pro Tag) hatte sich der Körper in ein System verändert, das begierig jede Kalorie aufnahm und sofort zu speichern trachtete… Durch den Mangel an Eiweiss waren Defizite entstanden, möglicherweise bereits eine Schädigung der Leber eingetreten, war nicht mehr genügend Blut vorhanden, um den Körper voll leistungsfähig zu halten.

Ein erschütternder Befund für einen, der bisher als „Weltmeister im Abnehmen“ gefeiert wurde und der nun feststellen musste, dass die Rosskur, die er sich selber ohne jede ärztliche Kontrolle verordnet hatte, ihn gesundheitlich zu ruinieren drohte. – Einfühlsam hat Stoffwechsel-Experte Fritz Horber den Athleten mit diesen unbequemen Wahrheiten konfrontiert und ihm den Weg gezeigt, wie mit gezielten Massnahmen und „unter Aufsicht“ eine Rückkehr zu einem lebenswerten Ernährungs- und Bewegungsverhalten gefunden werden könnte.

Die Reportage endet hoffnungsvoll: Nuttli hat wieder ein Engagement als Sportler und ist motiviert. Und dank der ärztlichen Begleitung wird er nicht mehr in Versuchung kommen, sich selber Schaden zuzufügen.




31/1  Virenalarm!

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:27

Da haben wir die Bescherung: Dick werden sei ansteckend, vermeldet der „Blick“ in seiner heutigen Ausgabe, übertragen durch ein Virus namens Adenovirus-37, oder kurz: Ad-37.

Allerdings, zeigt die genauere Lektüre – und die Überprüfung der Quellen bei Google bestätigt den Sachverhalt – ist dieser Effekt beim Menschen noch nicht bewiesen, und die Meldung über Resultate einer US-Studie stammt aus dem Jahre 2002! – Unsere „stärkste Zeitung“ hat da also eine schon reichlich abgehangene Ente aus dem Archiv gezogen. Dort ist dann auch die Präzisierung zu lesen, dass Hühner, die mit diesem Virus infiziert wurden, durchschnittlich 4 (!) Gramm mehr Fett zugelegt hätten als ihre unbehandelten Artgenossen im gleichen Zeitraum… Da bricht eine goldene Ära an für Fabrikanten und Verkäufer von Präzisionswaagen.

Stellen Sie sich vor, was wir hätten lesen können, wenn es gegen dieses Virus, das bisher in Versuchen erst am Federvieh zu wirken scheint, schon ein Gegenmittel gäbe. Die Schlagzeilen sind nicht auszudenken. Man hätte den Bundesrat im Kollektiv zum Rücktritt aufgefordert und die Frage gestellt, weshalb denn der Impfstoff erst für einzelne Risikogruppen bereitgestellt und noch nicht an die ganze Bevölkerung abgegeben sei… und in der ARENA würden die Gegensätze aufeinander prallen und die Fetzen fliegen… und nach einer Woche wäre der Spuk wieder vorbei. Bis eine andere fette Sau durch das mediale Dorf getrieben werden kann.




30/1  Kulturaustausch

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:02

Vor einer Woche habe ich darüber berichtet, wie man mir die Chinesische Küche als eine ideale Option vorgestellt hat, um bei Übergewicht den Weg zu einer bewussten Ernährung zu finden, die den Stoffwechsel positiv beeinflusst und das Normalgewicht wieder herzustellen hilft.

Barbara Temelie gilt als die Päpstin dieser Bewegung und ihr „Fünf Elemente Kochbuch“ ist zum Standardwerk geworden. Es kam Anfang dieses Jahres in einer Neuauflage heraus und ist eine spannende Bereicherung des Speiseplans. Und vielleicht können wir Westler von den uralten Erkenntnissen der Asiaten doch noch etwas profitieren?

Da höre und sehe ich in „10vor10“, dass unsere Hausmannskost-Ikone, die virtuelle Küchenfee Betty Bossi, zu ihrem 50. Geburtstag den grossen Sprung nach Fernost wagt, indem sie eine Zeitschrift (Startauflage vorerst 200’000 Exemplare) auf Chinesisch herausgibt und so – sagt der Geschäftsführer – unter anderem auch westlichen Food-Produzenten den chinesischen Massenmarkt öffnen soll.

Davon, dass diese Initiative allenfalls den verfetteten Chinesen eine kalorienbewusste Alternative zur Peking-Ende bieten sollte, war nicht die Rede.




29/1  Gegen Diskriminierung

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 22:41

Am Rande der Gesundheitsförderungs-Konferenz habe ich mich letzte Woche auch kurz mit einer Vertreterin einer Krankenkasse unterhalten. Mir ging es darum, auf die „Ungerechtigkeit“ hinzuweisen, die in der Tatsache besteht, dass die Kostegutsprache der Kassen für chirurgische Eingriffe bei starkem Übergewicht einer extrem harten gesetzlichen Regulierung unterliegen.

Die Kosten werden von der Kasse nur übernommen, wenn der Patient noch nicht 60 Jahre alt ist (was angesichts der ständig steigenden Lebenserwartung ja schon bald kein „Alter“ mehr ist), wenn der BMI mindestens 40 beträgt und wenn vorgängig während mindestens zwei Jahren alle Versuche, auf „konventionelle“ Weise mit Ernährungsumstellung und Bewegung abzunehmen, ohne Erfolg geblieben sind.

Bei keinem anderer medizinischen Befund wird die lebensrettende Therapie durch solche Auflagen bestimmt: Vom Raucher mit Lungenkrebs verlangt man nicht, dass er zuerst zwei Jahre nicht mehr raucht, ehe man ihn operiert; dem Aids-Kranken wird nicht vorgehalten, er sei an seinem Zustand selber schuld und hätte ihn vermeiden können, wenn er nur gewollt hätte; das Unfallopfer, das angetrunken am Steuer sass, wird in der Intensivstation aufgenommen und gepflegt ohne langwierige Antragsstellung und Begutachtung durch den Vertrauensarzt der Kasse…

Aber der Adipöse, der ein Leben lang verzweifelt mit seinem Gewicht gekämpft hat, dessen Lebenserwartung durch Folgekrankheiten verkürzt ist und der mit schweren sozialen Beeinträchtigungen leben muss, der soll – wie es der Sprecher von Santésuisse einmal formuliert hat – davor bewahrt werden, dass er sich leichtfertig unters Messer legt… – Viel zynischer geht es wohl nicht mehr.

Die bariatrische (oder Adipositas-) Chirurgie hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht. Es gibt Langzeit-Auswertungen, die den nachhaltigen Erfolg belegen und die auch zeigen, dass ein operativer Eingriff in bestimmten Fällen gesundheitsökonomisch „günstiger“ ist als eine lange Abfolge anderer Massnahmen mit hoher Rückfallquote.

Das Thema ist noch nicht ausdiskutiert und wir müssen es immer wieder ins Gespräch bringen, denn auch hier bestimmen oft vorgefasste Meinungen das praktische Handeln… Das ist mir durch den Kopf gegangen, als ich heute einen Bericht las, den unsere US-Schwester-Organisation AOA, die Amerikanische Adipositas-Organisation, vor einem guten Jahr an die oberste Gesundheitsbehörde gerichtet hat. Es bleibt noch viel zu tun.




28/1  Milchschnittenwahnsinn

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 22:57

Es fällt mir kein anderes Wort ein. Da lese ich heute in verschiedenen Zeitungen, dass die Migros nun zum Angriff übergeht und nicht mehr länger auf ein preiswerteres Angebot des Süsswarenfabrikanten Ferrero warten mag.

Deshalb nimmt der Grossverteiler in sein M-Budget-Sortiment ein um 60 Rappen billigeres Eigenfabrikat auf, das den gleichen, urheberrechtlich nicht geschützten Namen trägt: Milchschnitte.

Dass dieses Produkt mit 410 kcal pro 100 Gramm, 36 g Kohlenhydraten und 26,5 g Fett (fast so viel wie eine Bratwurst!) alles andere als ein gesundes Nahrungsmittel ist, sollte mittlerweile bekannt sein. Dass ausgerechnet die Migros, die sich sonst immer gerne auf ihr soziales Gewissen beruft, sich mit diesem völlig sinnlosen, mit verlogener Werbung angepriesenen Snack in den Schnäppchenjäger-Preiskampf stürzt, macht fassungslos.

Letztes Jahr, wird vermeldet, habe die Migros mit diesen Schnitten 20 bis 30 Millionen Umsatz gemacht. Lasst uns nicht ausrechnen, wieviele Kilo Speck dadurch auf Kinderhüften und an -rippen gewachsen sind… macht nichts, man hat bei der Migros ja den wunderbaren „Club Minu“, wo die Kleinen wieder etwas gegen ihr Übergewicht tun können. So züchtet man sich die künftige Kundschaft selber heran und kassiert sie gleich doppelt ab. Dutti würde sich im Grab umdrehen.

Ich denke, wir sollten von der SAPS aus einen „Preis“ vergeben an Unternehmen, die auf besondes perfide Weise die Anstrengungen unterlaufen, den Kindern zu einem gesunden Körpergewicht zu verhelfen. Anregungen nehme ich gerne entgegen!




27/1  Arm und dick

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:19

Kleine Nachlese zum gestrigen – und im Rückblick einzigen *) – Höhepunkt der Nationalen Gesundheitsförderungs-Konferenz. Ein weiteres Referat hat sich am Freitagvormittag mit der Thematik befasst: Gesundes Körpergewicht und soziale Benachteiligung: Neue Ungleichheiten in der Überflussgesellschaft.

Was hier so relativ sachlich-theoretisch klingt, das verschärft und präszisiert, ja lokalisiert eine der Aussagen, die Prof. James gestern schon gemacht hat: Übergewicht ist eine Armeleute-Krankheit. – So paradox es klingen mag, wenn man landläufig die wuchernden Fettpfunde mit „Überfluss“ assoziiert, so spricht die Statistik auch in der Schweiz eine klare Sprache, wie der Zürcher Soziologe Markus Lamprecht einleuchtend darlegte.

Bei Leuten mir geringem Einkommen ist Adipositas auffallend häufiger anzutreffen als bei der Schicht der besser Betuchten… und das ist die pure Umkehrung früherer Verhältnisse. Noch vor hundert Jahren war Dicksein ein Zeichen von Wohlstand, man war „beleibt“, „stattlich“, hatte eine „imposante Postur“, wie sie Würdenträgern, Generälen, Fürsten geziemte.

Heute sind unförmige Körper ein Synonym für Haltlosigkeit, Selbstaufgabe, Genusssucht. Und extrem verkehrt sich der Wahn bei jungen Frauen ins Gegenteil. Die Models, die vom Laufsteg über Frauen- und Modezeitschriften den Trend prägen, weisen im Durchschnitt noch einen BMI von unter 17 auf, sind also nach allen Regeln der medizinischen Kunst magersüchtig… Was auch dazu führt, dass immer mehr Jugendliche mit ihrem Körper unzufrieden sind.

Woher kommt dieses Unterschichten-Phänomen? – „Schlechte“ Fette sind billiger und in grossen Mengen verfügbar; „gute“ Nahrungsmittel, fett- und kalorienbewusst zubereitet, sind teurer, exklusiv. Der schnelle Food aus der Mikrowelle ist günstig und braucht nicht viel Zeit für die Zubereitung; „gesundes“ Kochen mit Frischprodukten ist ein Luxus, den sich immer weniger leisten können. Wer ums Überleben arbeiten muss, hat weder die Musse noch die Zeit, den wohlmeinenden Empfehlungen nachzuleben, die da lauten: Langsam essen, geniessen, die kleinen Bissen bewusst und ausdauernd kauen, bis sie im Mund ihren vollen Geschmack entfalten…

Bisher haben wir oft mitleidig nach USA geblickt und sind uns ja wieder so viel besser vorgekommen. Aber die Statistik lügt nicht. Es hat uns voll erwischt. – Am Ende der Tagung nimmt mich Bertino Somaini, der Direktor der Stiftung „Gesundheitsförderung Schweiz“, zur Seite und sagt zum Abschied: „Sehen Sie, nun sind wir voll bei Ihrem Thema.“ Da hat er Recht, es wurde auch Zeit.

*) PS: Ich tue meinem ehemaligen Radiokollegen, dem Psychologen Peter Schneider, brutal Unrecht: Seine Aufgabe war es, am Ende eines Tagungs-Tages jeweils in satirischer Form eine Bilanz zu ziehen. Und das, das waren dann die anderen, effektiven Höhepunkte, die den Tagungsbesuch zum Erlebnis machten.




26/1  Es fängt erst an

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:21

Grosse nationale Gesundheitsförderungs-Konferenz in Aarau. Über 400 Teilnehmende, Regierungsvertretungen vom Bundesrat bis zum Stadtpräsidenten, und erstrangige internationale Experten.

Prof. W. Philip T. James ist Chairman der internationalen „Obesity Task Force“ mit Sitz in Londen. Er kennt die Welt des Übergwichts wie seine Hosentasche, hat in allen Herren Ländern mit Regierungen, Wirtschaftsführern, Wissenschaftern konferiert auf der Suche nach Strategien und Lösungsansätzen im Kampf gegen die Epidemie des 21. Jahrhunderts, die im Begriff ist, eine Pandemie zu werden. Die Zahlen sind ja bekannt: 1,7 Milliarden Menschen sind weltweit übergewichtig und es werden explosionsartig laufend mehr.

Was dagegen zu unternehmen sei? James ist knallhart und desillusioniert. Um die Kinder zu schützen, muss als erstes die TV-Werbung für fette und süsse Nahrungsmittel verboten werden; in den Schulen braucht es eine rigorose Kontrolle des Essverhaltens; in Nähe der Schulen darf es keine Fast-Food-Angebote mehr geben. – Und für die übergewichtige Bevölkerung fordert er: Ampel-Symbole zur Kennzeichnung der „gefährlichen“ Nahrungsmittel, Fettsteuer, Verbilligung von Früchten und Gemüsen, Import-Beschränkungen.

Bundesrat Pascal Couchepin hatte in seinem launigen Begrüssungsvotum einmal mehr das hohe Lied der persönlichen Verantwortung jedes einzelnen gesungen und dargelegt, dass es nicht Sache des Staates sei, sich in die Lebensgewohnheiten seiner Bürger einzumischen. – Das ist, mit Verlaub, Herr Bundesrat, die billigste Formel, sich als Politiker vor der Verantwortung zu drücken, mutige, aber unbequeme Entscheide zu treffen.

Im anschliessenden Kolloquium legt Prof. James dar, was er von derlei „Gesundheitspolitik“ hält: Gar nichts! – Der Appell an die Selbstverantwortung sei angesichts der Übergewichtsproblematik in etwa das Falscheste, was man propagieren könne. Die menschliche Natur sei nun einmal darauf ausgelegt, sich mit einem Minimum an Aufwand ein Maximum an Genuss zu verschaffen… da hülfen nur strikte Regelungen, um Betroffene vor sich selbst zu bewahren. Der „freie Markt“ setzt die Konsumenten unter Druck, durch Zugabe von Aromen werden die Leute gezielt konditioniert, so dass sie abhängig werden; als die Ketchup-Firma „Heinz“ den Salzgehalt in ihren Produkten reduzierte, wechselten die Verbraucher zur Konkurrenz, was „Heinz“ dazu bewegte, sich eine verbindliche staatliche Richtlinie für alle zu wünschen…

In Finnalnd waren Regierung und Medizin untätig, bis sich im Volk der Widerstand regte und durchgesetzt wurde, dass bei jedem Lebensmittel-Verkaufspunkt auch Früchte und Gemüse zu erschwinglichen Preisen angeboten werden musste. – In Singapore wurde mit drastisch-diktatorischen Massnamhen (Berufsverbote für Übergewichtige, Ausgrenzung dicker Kinder in der Schule) innerhalb von drei Jahren die Anzahl der Übergewichtigen von 16 auf 10% gesenkt.

Der Erklärung der Süssgetränkehersteller, die gestern in Brüssel publik wurde, sie wollten ihre Werbung einschränken, die sich an Kinder richtet, steht James skeptisch gegenüber: PR-Proklamationen seien das eine, deren Vollzug in der Praxis aber kaum zu kontollieren.

Ein beklemmendes Panoptikum, das uns da geschildert wird… Der Kampf will geführt sein. Die Tagung geht am Freitag weiter, und wenn die Schweiz meint, sie habe die Sache im Griff, dürfte sie sich irren. Es fängt erst an.