17/12  Spiessrutenkaufen

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 18:14

Die ganze suggestive Macht der umsatzfördernden Werbemassnahmen im Grossverteiler ist mir heute wieder so richtig bewusst geworden, als ich mich mit meinem Zettelchen in der Hand und dem Einkaufswägeli durch das dichte Gewühl all derer gekämpft habe, die – wie ich – offenbar nur am Samstagvormittag Zeit haben, ihren Kühlschrank aufzufüllen.

Ich hatte mir vorgenommen, diesmal streng nach der eBalance-Einkaufsliste vorzugehen, denn Anfang Woche steht mein Arzttermin bevor und da möchte ich mir übers Wochenende kein mutwillig angeschlemmtes Gramm leisten, sondern mich strikt an die Rezeptvorgaben halten. Was nicht eingekauft ist, das kann auch nicht dick machen.

Und da hat es mich von allen Seiten überfallen: Riesige Körbe mit Kilosäcken voller Spanischnüssli, hohe Stapel 500g-Schokoladetafeln zu Sonderrabatt-Preisen und festlich eingepackt, ganze Regale vollgestopft mit Panettone-Schachteln, beigenweise die schönsten Nikoläuse und Weihnachtsengel aus Lebkuchen und Zuckerguss, Kisten mit Zimtsternen und Brunsli in allen Grössen, Tonnen von Knabbergebäck und Champagnerflaschen schon für Silvester, geschmackvoll assortierte Fleisch- und Käseplatten zu Gebirgen aufgetürmt, Chips in allen Geschmackssorten und in der extragünstigen Riesenpackung… es war mir als würde jemand irgendwo den Leuten zurufen: „Kauft, kauft und esst, es hat genug, wer weiss, ob Morgen noch etwas von dem Segen da ist…“

Und ich mit meinem Zettelchen, auf der Suche nach einer Packung Tofu, einem vietelfetten Käse, einer Rande, etwas Sellerie und Lauch und zwei Peperoni… – Aber an der Kasse, wenn man sieht, wie die andern ihre vollgestopften, hoch aufgeschichteten Wagen aufs Förderband umladen und wie der Kassenzettel sich unaufhörlich ruckelnd in die Länge schiebt, dann verspürt man das gute Gefühl, heil wieder der Konsusmhölle entronnen zu sein, ohne Fehltritt und ohne Reukauf und ohne der schieren Versuchung erlegen zu sein… bis auf das eine Glas Konfitüre: „Holunderblüten“ steht drauf, und „NEU!“ Aber die kann man zum Frühstück in kleinsten Portionen geniessen.




16/12  Raclette bis zum Abwinken

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 21:20

Was waren das doch früher noch für Zeiten, als man jung und rank war und in der Walliserstube unbeschwerten Gemütes „Raclette à discretion“ bestellen konnte, worauf ein Wettessen losging, um zu ermitteln, wer am meisten der zähflüssigen Käseplätzchen verdrücken konnte. Unter 25 wurde aus Prinzip nicht klein beigegeben.

Heute wissen wir – und man kann es im eBalance-Kalorienrechner nachprüfen – dass 100 Gramm Raclette 359 Kalorien enthalten, dazu 28 Gramm Fett und 26 Gramm Proteine… – 25 kleinere Raclette wären also rund 700 Gramm Käse, das sind dann 196 Gramm Fett (und somit mehr als der dreifache Tagesbedarf) und 2’500 Kalorien: meine komplette Tagesration!

Heute Mittag hat es Raclette gegeben. Es ist Tradition beim Kinderhilfswerk „Terre des hommes“, dass anlässlich der letzten Sitzung im Jahr der CEO und der Präsident des Stiftungsrates für das gesamte Personal Raclette zubereiten. Vier komplette Käsehälften haben wir verbraten, Peter und ich, unter der glühenden Heizschlange zum Brutzeln gebracht, mit dem Messerrücken zärtlich und doch bestimmt in die Teller abgestreift, die „religieuses“ – die angeschmorte Rinde – elegant abgeschnitten und dazu gegeben… weit über hundert Mal…

Und das Beste an der Übung: Ich stand zwei Stunden lang mitten im würzig-milden Käsedunst, der sich in alle Poren legte, und kam vor lauter Abstreichen und Einschneiden und Tellerzurechtrücken und Abstreifen kein einziges Mal dazu, selber eine Raclette zu verspeisen… Am Ende, als keiner mehr sich in die Warteschlange einreihen mochte, war ich so übersatt und käsedurchtränkt, dass es mir nicht im Traum in den Sinn gekommen wäre, mehr als ein einziges Tellerchen selber zu essen… Die kaloriensparendste Art, eine Walliser Spezialität zu geniessen!




15/12  Je dicker desto doof

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 22:27

Beim abendlichen Zappen verweile ich gelegentlich bei Formaten wie „Talk-Talk-Talk“ oder „voll total“, bei diesen wiederverwerteten Zusammenschnitten von möglichst schrillen und krassen Szenen aus den nachmittäglichen Talkshows, in denen besonders auffällige Exemplare der humanen Spezies wie Pitbulls aufeinander gehetzt werden, damit sie sich verbal so richtig fetzen können.

Dabei fällt auf, dass in ungewöhnlich vielen Sendungen dicke Menschen eine ganz besondere Rolle spielen. Je fetter und ordinärer sie sich gebärden, umso lauter und giftiger – oft sogar handgreiflich – werden die Auseinandersetzungen und die gegenseitigen Beschimpfungen, über die sich gelegentlich schamvoll ein Piepston legt, um allzu herbe Obszönitäten zu kaschieren.

Es ist ein erbärmliches Image der übergewichtigen Menschen, das so in die nachmittäglichen TV-Stuben gebeamt wird: Sie sind primitiv, dumm und eingebildet, kleiden sich geschmacklos in viel zu enge Klamotten, aus denen sich die Fettwülste herauswuchten, und wenn wir wirklich Pech haben und es sich um einen Ausschnitt aus einer US-Show handelt, dann strippen sie auch noch…

Verrückt dabei ist, dass solch widerliche Darbietungen eine irgendwie perverse Faszination ausüben. Man bleibt dran in einer Mischung aus Abscheu und Voyeurismus, in der unbewussten Erwartung, dass es vielleicht noch schlimmer kommt… Und ist irgendwie enttäuscht, dass es doch fast immer mehr oder weniger das Gleiche ist.

Vielleicht haben solche Darbietungen, auch wenn sie kaum das richtige Leben spiegeln und meist von bezahlten Interpreten aufgeführt sind, ihren verborgenen Sinn darin, dass sie den Frustrierten, Hoffnungslosen und Entmutigten, die daheim vor dem Bildschirm hocken, die Gewissheit vermitteln, dass es da draussen irgendwo noch Leute gibt, denen es dreckiger und schlechter geht als ihnen selber. Schade nur, dass dabei meist die Dicken dran glauben müssen.

PS: In diesem Moment flimmert ein Spot über den Bildschirm, in dem für Orangen und Mandarinen geworben wird – als Ersatz für zucker- und fetthaltige Schleckereien… dumm nur, dass die Kinder, die durch diesen Spot angesprochen werden sollten, nachts um halb elf eigentlich im Bett sein müssten.




14/12  Ein Maulkorb für die Dicken?

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 22:57

Freund Rolf hegt düstere Gedanken, als wir nach unserer wöchentlichen Aquafit-Stunde erschöpft, aber doch wohlig erleichtert bei einem halben Liter Mineral und einem Glas guten Rotweins aus Sizilien im Restaurant Hofwiesen/Trinacria sitzen.

Wer kommt nun als nächstes dran? Seit Sonntag ist das Rauchen im Umfeld der Bahn verboten. Flächendeckende Kontrollen der Automobilisten bezüglich Alkohol am Steuer künden sich an. In England soll es „husten-freie“ Zugsabteile geben… – Wann wird uns wohl das Essen verboten? Und mit welchen Mitteln kann man uns Dicke ausgrenzen und schikanieren? Uns, denen man unser „Anders-Sein“ schon von weitem an unserer Fülle ansieht?

Schneidet man uns demnächst mit Krummsäbeln bei lebendigem Leib und öffentlich den Speck von den Rippen? Kommen der Maulkorbzwang gegens Essen und die allgemeine Magenband-Pflicht als Pendent zur Leinenpflicht? – Nun gut, unser Verhalten – ob wir es unter Kontrolle haben oder nicht – gefährdet wenigstens „nur“ uns selber. Mit unserem Dicksein richten wir keinen Schaden an Dritten an, der so wirkungsvoll am Boulevard inszeniert werden könnte, dass unsere Volksvertreter in Windeseile eine Petition unterschreiben und Gesetze verabschieden, selbst wenn dadurch an sich sinnvolle Massnahmen gegen die zunehmende Fettsucht endlich umgesetzt würden…

Nein, es besteht kein Anlass, sich vor weiteren Verschärfungen zu fürchten. Übergewichtige sind heute bereits auf eine so brutale Weise in der Gesundheitsvorsorge diskriminiert, dass sie sich kaum steigern lässt. Ehe eine lebensrettende Operation, Bypass oder Magenband, auf Kosten der Krankenkasse ausgeführt werden kann, müssen „Bedingungen“ erfüllt sein, die für keinen andern Eingriff gelten. Den Patienten wird vorgehalten, dass sie an ihrer Krankheit selber schuld seien, sie müssen zuerst beweisen, dass keine andere Therapie geholfen hat, sie müssen ein minimales Maximalgewicht erreicht haben, sonst gibt es nichts, und wenn sie über sechzig Jahre alt sind, wird sowieso nichts bezahlt.

Bei keiner anderen Krankheit findet man solche Auflagen. Dem Patienten mit Lungenkrebs sagt keiner, er solle zuerst zwei Jahre nicht mehr Rauchen, bis man ihn operiert. Der verunglückte Autoraser kommt unabhängig von seinem Alter auf die Intensivstation, ohne dass man ihn vorher fragt, ob er eventuell eine Mitschuld am Unfall trage. Der Aidskranke erhält sein lebensverlängerndes Medikament, ohne dass er sich einer peinlichen Befragung über seine Sexualpraktiken unterziehen muss… Ich weiss, jeder Vergleich hinkt letztlich irgendwo, das haben Vergleiche so an sich. Aber die Tatsache bleibt: Bis weit in die oberen Hierarchien der – vielfach spindeldürr-sportlichen – Gesundheitsverantwortlichen ist der Übergewichtige nach wie vor an seinem Zustand alleine und selber Schuld. Und damit soll er sich gefälligst abfinden. Maulkorb!




13/12  Pralinés – garantiert kalorienfrei!

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 22:20

Laura ist Konditorin und macht Pralinés. Sie ist die Hauptfigur in einer TV-Serie mit dem Namen „Sturm der Liebe“, die unter der Woche jeden Nachmittag um zehn nach drei auf ARD „Das Erste“ zu sehen ist und tief ins Seelenleben der Zerstreuung suchenden Hausfrau hineingreift.

Von der Geschichte weiss ich nichts, aber dank der Gattin habe ich erfahren, dass auf der Website zur Serie ein neckischer Gag angeboten wird. Wer sich bei der ARD unter www.daserste.de einloggt und dort „mehr“ über die Serie „Sturm der Liebe“ erfahren will, der findet unter anderem einen Link zu einem „Pralinen Orakel“.

Ein interaktiver Selbsttest, der es in sich hat. Nach einem Klick befinden wir uns in einer heimelig-altmodischen Konfiserie, man zieht förmlich den schweren Geruch von süsser Schokolade durch die Nüstern ein. Wenn man nun auf „Start“ klickt, sieht man am oberen Bildrand eine Leiste mit 15 verschiedenen, verlockend-anmächeligen Pralinen: Sahne-Krokant-, Nougat-, Mandelcrème-, Walnusscrème-, Edelmarzipan-, Weisse Milchschaum-Praline, Joghurt-Crisp-, Schwarz-weisser Pfeffer-, Chili-Feuer-, Pfefferminz-Praline, Bitter-Trüffel, Rum-Trüffelcrème-, Mokkacrème-, Ingwer-Quitten- und Champagner-Pralinés… – ist Ihnen beim Lesen das Wasser auch so im Mund zusammengelaufen wie mir beim Schreiben?

Darunter befindet sich eine Pralinéschachtel mit 16 leeren „Plätzen“: Nun kann man mit „drag and drop“ einzelne Pralinés aus der oberen Reihe auswählen und in die Schachtel einfüllen. Ist sie voll, erscheint die Aufforderung, die getroffene Auswahl „auswerten“ zu lassen. – Darauf sieht man auf einem hübschen Stück Pergamentpapier eine akkurate Beschreibung der eigenen „Praliné-Persönlichkeit“. Und es gibt so viele Typen, wie es Varianten in der Auswahl aus dem Angebot gibt.

Aus reiner Neugier habe ich die ganze Schachtel mit einer einzigen Sorte gefüllt, um zu prüfen, zu welchem Typ diese Konsequenz denn führt. Und das ergab z.B. (in Kurzfassung) bei Edelmarzipan-Pralinés den Typ „herzliche-ehrlich“ (das gefällt mir nicht schlecht, ich bin schliesslich Marzipan-Liebhaber)! Und die Chili-Feuer-Pralinés gehören zum „egozentrisch-skrupellosen“ Typ. Wer Bitter-Trüffel bevorzugt, der ist „leichtfüssig-einfältig“ und wer ausschliesslich Champagner-Pralinés nimmt, dem bescheinigt das Pralinen Orakel, „verschlossen-unberechenbar“ zu sein.

Das sind erst vier aus 15 Typen. Die Varianten bei individueller Mischung sind Legion, dazu noch je unterschiedlich für Mann oder Frau… Da kann ich nach Herzenslust die gluschtigen Schoggi-Preziosen packen, einsortieren, betrachten… im richtigen Leben hätte ich in kürzester Zeit ein Kilo davon gemampft. Nicht auszudenken. So aber bleibt alles virtuell und gefahrlos, garantiert ohne gewichtrelevante Nebenwirkungen.




12/12  Noch mehr Zucker

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 22:26

Ich habe gestern über den Umgang mit Zucker in unseren Nahrungsmitteln berichtet. Heute lese ich im „Spiegel„, dass am Weltmarkt ein globaler Kampf um den Zucker im Gange ist, bei dem es um die Entwicklungsmöglichkeiten ganzer Länder und/oder den Erhalt historischer Landwirtschafts-Privilegien in Europa geht.

146,2 Millionen Tonnen Zucker pro Jahr werden weltweit produziert, was einem Handelswert von 63 Milliarden Euro entspricht. In Europa wird er aus Zuckerrüben gewonnen und zum Preis von 63 Cent verkauft; in Brasilien, dem grössten Zuckerproduzenten, kostet das Kilo 28 Cent, die Arbeitskräfte sind billiger und der billigere Zucker drängt mit Macht in den europäischen Markt, nachdem die EU per Gerichtsurteil durch die World Trade Organisation gezwungen wurde, ihre Zollschranken abzubauen und den eigenen Zuckerpreis schrittweise zu senken.

Das bringt die hiesigen Produzenten in Bedrängnis und europäische Rübenbauern müssen mit massiven Existenzproblemen rechnen, ja sehen sich vom Ruin bedroht, während Länder wie Australien, Indien, Südafrika und Basilien einen wirtschaftlichen Gewinn am Weltmarkt erwarten können.

Da sind weltökonomische Kräfte am Werk, vor deren Hintergrund unser Bemühen, den Zuckerkonsum möglichst vernünftig zu gestalten und wenn es geht einzuschränken, eher kleinlich wirkt. Denken wir daran, wenn wir das Zuckerbriefli für den Espresso aufreissen? Sind wir uns der Thematik bewusst, wenn wir ein Praliné auf der Zunge zergehen lassen? Oder ein Stück Würfelzucker in den Tee einrühren? – Kaum. Wir wissen, dass Zucker süss schmeckt und dass wir das mögen. Es ist erwiesen, dass Zuckergenuss Glücksgefühle auslöst. Dabei handelt es sich doch nur um eine schlichte chemische Verbindung mit der (nicht ganz leicht zu merkenden) Formel C12H22O11…




11/12  Voll die Fettzwerge

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 21:59

Am TV tobt noch die Pisa-Schlacht um den cleversten Schweizer Kanton und steuert ihrem Endspurt zu… Mich beschäftigt der Artikel in der heutigen SonntagsZeitung mit dem Titel „Unser dickster Freund„.

Gemeint ist der Zucker, den die Autoren anhand des aktuellen Ernährungsberichtes unter die Lupe genommen haben. Fast 48 Kilo davon haben Herr und Frau Schweizer pro Kopf und Jahr vertilgt, in Form von Schokolade, Konfitüre, Bonbons, Backwaren, Kompotten, Fruchtsäften, Konserven und vor allem: von Süssgetränken, Ice-Tea, Limonaden, Coca-Cola, Fancy Drinks, Energy Drinks, Alcopops, Schokodrinks… pro Tag sind das 48 Stück Würfelzucker. Und der Konsum hat seit der letzten Erhebung vor sieben Jahren um ganze 16 Prozent zugenommen.

Aber die interessanteste Aussage stammt von Prof. Ulrich Keller von der Uni Basel. Er weist drauf hin, dass es ein Irrtum ist zu meinen, es sei gesünder, wenn man statt raffiniertem „weissem“ Zucker den natürlichen Fruchtzucker nimmt. Im Gegenteil: der Fruchtzucker geht besonders schnell ins Blut, fördert die Insulinresistenz und erhöht damit die Blutfettwerte.

Unterdessen macht uns die Werbung mit Hochglanz-Früchtefotos nach wie vor z.B. ein Produkt schmackhaft, das den niedlichen Namen „Fruchtzwerge“ trägt, und das sich neuerdings damit rühmt, dass es keinen Kristallzucker enthalte, sondern eben guten Fruchtzucker! – Was wir brauchen, ist eine Kommission für die Wahrhaftigkeit in der Werbung. Oder einen Lügendetektor, über den alle TV-Spots vor der Sendung laufen müssen, sonst nützt alle kantonale Cleverness nichts.




10/12  Che sera, sera

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 22:46

Oder auch: Qui vivra verra! – Will heissen: Mal sehn, was da auf uns zukommt. – Im „Magazin“ des TagesAnzeigers hat man heute schon einen tiefen Blick ins nächste Jahr werfen lassen. Prominente AutorInnen konnten sich je eines Themas annehmen und einen visionären Aspekt erläutern, so etwa, dass Simonetta Sommaruga Bundesrätin wird, dass Kofi Annan zurücktritt, dass Bob Geldof Afrika rettet und – last but not least – dass die Dicken wieder dünner werden.

Also ganz so einfach ist es nicht, was Emma Duncan, stellvertretende „Economist“-Chefredaktorin, da als Zukunftsperspektive für Amerika und Europa (bzw. die „reichen Länder“) skizziert. Zunächst weist sie darauf hin, dass in USA und Grossbritannien die Anzahl der Übergewichtigen seit zwei Jahren nicht mehr weiter ansteige sondern stabil bleibe und dass sogar rückläufige Tendenzen auszumachen seien.

Weshalb das? Weil die Regierungen (Frau Duncan nennt sie freundlicherweise „Bürokratenköpfe“) die Mahnrufe der Experten ernst genommen hätten, indem sie in den Schulen (wie in England) den Verkauf von Schleckwaren, Chips und Süssgetränken knallhart verboten oder (wie in Amerika) verbindliche Ernährungsrichtlinien herausgegeben haben, in denen dem Volk geraten wird, mehr Früchte, Gemüse, Vollwertkost und fettreduzierte Milch zu konsumieren. Die Lebensmittelindustrie habe mitgezogen – freiwillig, weil sie sich fürchtet vor allfälligen Regulierungen und vor allem vor Schadensforderungen in einer Prozesslawine.

Wenn man dieser positiven Vision glauben darf, dann steht an der Verpflegungsfront ein Kulturwandel bevor, der sich allerdings auf jene beschränkt, die es sich „leisten“ können, gesünder zu leben. Und da alles, was in den USA geschieht, etwas später auch zu uns kommt, heisst das für uns, dass wir jetzt unbedingt dran bleiben müssen, diesen Wandel zu unterstützen und zu beschleunigen. Auch hierzulande gibt es sie, die Bürokratenköpfe.




9/12  Früh übt sich, wer zunimmt

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:27

Immer mehr Kinder gehen auf wie Ofenküchlein und eines der wichtigsten Postulate ist mittlerweile die Früherkennung, um zu klären, ob ein Baby vor einer potenziellen Adipositas-Karriere steht. Denn – das sagen uns die kinderkundigen Spezialisten zu Recht – nicht jeder Jugendliche, der nicht ganz einem imaginären Schlankheitsideal entspricht, ist bereits übergewichtig.

Wie aber kann man dafür sorgen, dass der Keim zum Übergewicht nicht schon vor der Geburt angelegt wird? – Eine amerikanische Studie an der Ohio State University gibt Antworten auf diese Frage. Über 3’000 Kinder wurden in einem Langzeit-Test untersucht und gleichzeitig wurde der Schwangerschaftsverlauf ihrer Mütter rekonstruiert.

Das führte zu spannenden Erkenntnissen: Kinder von Müttern, die vor dem Beginn der Schwangerschaft übergewichtig waren, erwiesen sich später als deutlich häufiger selber adipös. Weiter spielt für frühkindliches Übergewicht die ethnische Herkunft eine Rolle. Wenn die Mutter während der Schwangerschaft raucht, neigt das Kind vermehrt zu Übergewicht. Und auch bei den Kindern von Müttern im fortgeschrittenen Alter ist die Zahl der adipösen grösser.

Schon früher war in einer andern Untersuchung darauf hingewiesen worden, dass die Kinder von Müttern, die sich während der Schwangerschaft aus Rücksicht auf ihre schlanke Linie einer Diät unterzogen hatten, quasi schon mit dem JoJo-Effekt zur Welt kamen und sich bereits mit der ersten Nahrungsaufnahme aus der Mutterbrust eine Fettreserve angesogen hatten…

Werdende Mütter haben es also in der Hand, das Risiko bewusst zu verkleinern, dass ihr Nachwuchs später zu den Betroffenen gehört. Vor allem, wenn eine erbliche „Belastung“ auch seitens des Vaters vorliegen kann.




8/12  Mit Vorurteilen leben

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:34

Endlich kommt ein Diskurs in Gang! Und weil nicht alle unsere LeserInnen routinierte Blogger sind und jeweils auch bei den früheren Beiträgen nach ergänzenden Kommentaren Ausschau halten, komme ich hier auf einen Einwurf zurück, der mich heute genervt hat.

Immerhien vier Repliken und persönliche Meinungen wurden zu meinem Bericht über die Bundeshaus-Medienkonferenz vom Montag ins Netz gestellt. Das ist ein Rekord. – Heute Nachmittag allerdings hat sich „Pippo“ gemeldet mit einigen lapidaren Feststellungen, die zwar einleuchtend beginnen, aber im Sumpf der abgedroschenen und leider immer noch allzu verbreiteten Vorurteile enden.

Dass falsches Vorbildverhalten der Eltern zu kindlichem Übergewicht führen kann, dem ist zuzustimmen. Das ist aber auch alles. – Schon der nächste Satz ist eine fahrlässige Verallgemeinerung: „Jugendliche und Erwachsene, die stark übergewichtig sind, tragen jedoch selbst die Verantwortng für ihre Gesundheit! Jeder weiss heute, was gesundes Essen ist und was nicht, auch wenn Politiker gerne das Gegenteil behaupten.“ – Das stimmt so schlicht nicht. Menschen, welche die genetische Veranlagung haben, dass sie „überflüssige“ Energie, die sie aufnehmen, nicht laufend in Wärme umwandeln sondern als Reserve speichern, sind mit dem Problem konfrontiert, dass sie schon bei kleinen Abweichungen von ihrem persönlichen Normwert langsam aber sicher Gewicht zulegen. Das Wissen über diese Zusammenhänge ist heute erwiesenermassen begrenzt, auch wenn alle Gazetten das Thema behandeln. Hier besteht ein riesiger Nachholbedarb.

Dazu kommt eine Gruppe von Menschen, bei denen ein genetischer Defekt vorliegt, der das natürliche Sättigungsgefühl unterdrückt und/oder dem Körper ein permanentes Hungergefühl vorgaukelt. Das ist eine Krankheit, die als solche erkannt und therapiert werden muss. – Wer wie „Pippo“ einen Satz formuliert: „Wer also seinen Gelüsten nicht wiederstehen kann, braucht sich nicht zu wundern, weshalb er einige Kilos zuviel auf die Waage bringt“, der hat gar nichts begriffen und zementiert eines der dümmsten und zynischsten Vorurteile, die man Adipositas-Kranken gegenüber nur haben kann! – Wir sprechen hier nicht von „ein paar Kilos“ mehr oder weniger. Es geht darum, dass Menschen, die nicht frühzeitig in die Lage versetzt werden, im vollen Wissen um ihre persönliche Problematik das richtige Verhalten zu lernen und mit Unterstützung anzuwenden, in eine lebensbedrohende Situation kommen, die auf lange Sicht einen immensen volkswirtschaftlichen Schaden verursachen wird. – Mit billigen Sprüchen ist hier nicht geholfen.