14/2  Der Leidensdruck

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:20

Wir sind wieder mal beim Spätschoppen („Zwei Mineral, bitte, einmal mit und einmal ohne!“) nach der Aquafit-Stunde und das Gespräch kreist unausweichlich um den kommenden Arztbesuch und um die grosse Schwierigkeit, das Soll-Gewicht noch rechtzeitig zu erreichen.

Freund Rolf, heute wieder einmal von inquisitorischer Insistenz, bohrt schon zu zweiten Mal nach: „Ich will dir nicht zu nahe treten“, bereitet er sein Statement vor, „aber wie war das denn vor rund 10 Jahren, da hast du doch auch in einem Zug fast 35 Kilo abgenommen? Wie hast du das denn damals gemacht?“

Ich erkläre ihm, dass ich versucht habe, aus freien Stücken so zu essen, als ob ich ein Magenband trüge: Ausgewogen ausgewählt, in kleinsten Mengen und unendlich langsam fein gekaut… – „Ja und“, fragt Rolf, mit fast unverhohlener Naivität, „weshalb kannst du das denn heute nicht wieder so machen und nochmals 30 Kilo abnehmen?“

Die Frage trifft in den Kern des Problems. Inzwischen habe ich mich auf dem tieferen Niveau einigermassen stabilisiert, wenn auch temoprär mit einer leichten Tendenz nach oben. Aber weshalb will und will es nicht gelingen, mit einem grossen und konsequenten Effort die Mauer der Stabilität erneut nach unten zu durchstossen?

Die Antwort zeigt das verflixte Dilemma. Damals, mit 165 Kilo, war das Leben eine schier unerträglich Last, der Atem ging pfeifend, das Herz raste nach 4 Tritten auf der Treppe, die Knie schmerzten bei jedem Schritt, ans Schuhebinden war nicht zu denken und in der Telefonkabine gab es keinen Platz für mich, von Flugzeugsitzen und Duschkabinen abgesehen… – Mit andern Worten: Damals gab es einen massiven Leidensdruck, der jede Unbequemlichkeit mit einem konsequenten und strengen, wenn auch ausgewogenen und überwachten „Regime“ vorübergehend auf sich nehmen liess. Und der Erfolg motivierte, nicht nachzulassen.

Heute, immer noch knapp 30 Kilo leichter, ist das Lebensgefühl ein total anderes: Kinosessel sind kein Problem, Telefonkabinen gibt es nicht mehr, im Flugzeug ist der Original-Sicherheitsgurt meist lang genug, hinter dem Lenkrad habe ich bequem auch im kleineren Auto Platz, die Gelenke schmerzen nur noch moderat… kurz und gut, das Dasein ist keine grosse Qual mehr und die allgemeine Lebenslust, die Versuchung, der Genuss haben heute leichteres Spiel, mich zu überreden, doch dieses eine Mal Fünfe gerade sein zu lassen, morgen sei ja auch noch ein Tag, und wenn man eingeladen sei, könne man keine Sonderwünsche anmelden, wenn doch der Hausherr so exzellent kocht…

Drum, lieber Rolf, ist es leicht gefragt, ob ich denn nicht „einfach“ auf die gleiche Tour nochmals eine 35-Kilo-Scheibe von meinem alten Speck herunterhobeln könnte… Ich kann nicht. Und, ganz ehrlich gesagt, ich will eigentlich auch nicht wieder ein so striktes Ernährungsmanagement einhalten müssen. – Bin ich schwach? Nicht schwächer als die meisten. Und darum froh, dass mir der Arzt ab nächster Woche ein neues Modul verordnet, von dem er sich (und mir) verspricht, dass es etwas bewegt, nach unten. Ich bin gespannt. Wir werden sehn.




13/2  Nur Vorurteile?

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 21:58

Schön, dass im Blog zur Sache debattiert wird! – Der Dialog zeigt, wie nötig es ist, differenziertes Wissen zu vermitteln und gegen eingefleischte Vorurteile zu argumentieren.

Ins gleiche Kapitel gehört eine Meldung, die dieser Tage über die Agenturen ging: Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass das Adipositas-Medikament Reductil seit dem 1. Februar für die Krankenkassen zugelassen, also auf der „Spezialitätenliste“ der kassenpflichtigen Medikamente aufgeführt ist. Das Mittel ist rezeptpflichtig und darf nur für PatientInnen verschrieben werden, die einen BMI von 35 und mehr aufweisen, also durch ihr Übergewicht einem massiven gesundheitlichen Risiko ausgesetzt sind. Reductil setzt im Kopf an und kann eine appetithemmende Wirkung haben und gleichzeitig den Stoffwechsel anregen. Bisher mussten die Kosten von den PatientInnen selber übernommen werden.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich der Dachverband der Krankenversicherer, santesuisse, über diesen Entscheid „nicht erfreut“ zeigt. Aber seine Bergründung ist ebenso linear wie allzu simpel: „Es sei besser, die Bevölkerung zu einer gesünderen Ernährung und mehr Bewegung anazuhalten“, wird santesuisse zitiert. – Eine solche Stellungnahme belegt Ignoranz und Missachtung der Patientenbedürfnisse.

Nichts gegen gesunde Ernährung und viel Bewegung zur Prävention. Aber ein Mensch mit BMI 35 und mehr hat im Vorfeld dieses Befundes bereits eine schmerzvolle Adipositas-Karriere mit zahllosen, gescheiterten Versuchen hinter sich, sein Gewicht zu reduzieren. Die Abgabe eines der beiden „anerkannten“ Medikamente (Xenical und Reductil) erfolgt nie leichtfertig, sondern immer gezielt und als medizinisch begründete Massnahme, um im Rahmen einer umfassenden Therapie eine Veränderung einzuleiten. Nicht alle sprechen auf die gleichen Präparate gleich an. – Aber wer sich gegen die Abgabe eines Medikaments mit so untauglichen Argumenten sträubt, hat nicht das Wohl der Pflegebedürftigen im Auge, sondern denkt an die Maximierung seines Gewinns.




12/2  Keine Ausrede

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:05

Heute gibts nur einen kurzen Beitrag. Ich stecke mitten in der Vorbereitung für eine Sitzung, die am Montagmorgen stattfindet. Rund zehn Leute, die je eine Organisation oder Institution vertreten, welche sich hauptamtlich mit Fragen rund um Adipositas und Übergewicht befassen, treffen sich zum zweiten Mal in dieser Konstellation.

Wir sind dabei, einen Interessenverband ins Leben zu rufen, ein Netzwerk, das „Forum Obesitas Schweiz“, denn wir müssen endlich das vorhandene Fachwissen und die verschiedenen Kräfte bündeln, um gemeinsam mitzuwirken bei der gesundheitspolitischen Willensbildung. Da ist der Fachverein, der alle Spezialistinnen und Spezialisten umfasst, die in Programmen zur Behandlung von übergewichtigen Kindern arbeiten; da ist die Organisation der Ärzte – Stoffwechselspezialisten und Chirurgen – die sich mit den extrem übergewichtigen Patienten befassen; es gibt die Leute von der Arbeitsgemeinschaft Essstörungen und die vom entsprechenden Experten-Netzwerk; die Gruppe der forschenden Wissenschafter und die Präventionsgruppe der Hausärzte-Vereinigung; der Verband der Diplomierten ErnährungsberaterInnen und eine Vertretung des Netzwerkes Gesundheit und Bewegung, das beim Bundesamt für Sport angesiedelt ist… und wir von der SAPS haben es übernommen, die Zusammenarbeit zu koordinieren, weil wir – so paradox dies erscheinen mag – als einzige Organisation dank einem Sponsoren-Beitrag über die Mittel und die Infrastruktur verfügen, um diesen administrativen Service zu bieten.

Also brüte ich noch zu später Stunde über der Traktandenliste und bereite mich darauf vor, die morgige Sitzung zu leiten, in der Gewissheit, dass wir unser Engagement verstärken können, wenn wir gemeinsam am gleichen Strick ziehen. An uns solls nicht liegen.




11/2  Verhältnisprävention

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 21:29

Gerne nehme ich den Ball nochmals auf, den mir Franziska Zuber in ihrem Feedback auf meine gestrige Betrachtung zugespielt hat. Gut für sie, dass sie sich als erfolgreich selbtverantwortliches Individuum sehen kann, das willens und auch in der Lage ist, ganz alleine zu entscheiden, ob es dick werden will oder nicht…

Schön wärs, wenn das alle von sich sagen könnten. Dann hätten wir kein Problem. Selig sind die Friedfertigen, die guten Glaubens sagen dürfen: „Wozu braucht es ein Strafgesetz und Gefängnisse? Ich habe noch keinen umgebracht und werde dies auch ganz gewiss nie tun…“ – Es gehört zum Wesen der menschlichen Gemeinschaften, dass sie ihr Zusammenleben durch gemeinsam abgesprochene Regelungen ordnen, die zum Nutzen und zur Hilfe aller sind. Und es gehört zum Wesen der Freiheit, dass sie ohne Verantwortung sich und den anderen gegenüber nicht lebbar ist.

Heute braucht in unseren Breitengraden ein erwachsener Mensch nicht mehr als zwei bis drei tausend Kalorien pro Tag zum Leben. Aber am Markt sind Nahrungsmittel für über 4’000 Kalorien pro Person und Tag. Und die wollen verkauft und verzehrt sein. Es ist ein Wettbewerb um Marktanteile. Was besser schmeckt und leichter zu haben ist, bringt mehr Profit für Investoren und Shareholder…

Klar könnte man in diesem Wettrüsten um die Energiebilanz die Schraube nach oben drehen: Volle Pulle gefuttert und der Nahrungsmittelindustrie zum Boom verholfen, und gleichzeitig wie verrückt an den raffiniertesten, elektronisch gesteuerten, neunmlaklugen Fitnessgeräten die ganze überschüssige Energie wieder abgearbeitet und in den neuen Wellnessfabriken schlankgeschrumpft oder gar in den wie Pilze aus dem Boden schiessenden Lipokliniken das verflüssigte Fett wieder aus den Zellwaben herausgeschlürft…. Ok, man könnte ja einfach nur zwei Stunden pro Tag marschieren, Schwimmen, Liegestütze machen. Aber eben: Man muss.

Vorbeugen heisst, etwas zu unternehmen, bevor es zu spät ist. Prävention ist das Schlüsselwort, dem alle zustimmen. Aber man spricht heute von zwei verschiedenen Arten der Prävention. Von Verhaltensprävention und von Verhältnisprävention. Im letzteren Fall geht es darum, die Umwelt und ihre Bedingungen so zu beeinflussen und – wo nötig – zu verändern, dass der Einzelne überhaupt in die Lage versetzt wird, sein persönliches, präventives Verhalten in die Tat umzusetzen. Und da öffnet sich ein weites Feld, in dem „der Staat“ und mit ihm alle, die ihn vertreten, zum Handeln aufgerufen ist. Auch wenn das undankbar sein mag.




10/2  Das Balance-Prinzip

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:27

Die Weltwoche lese ich immer in der Woche darauf. Der Aktualität tut das keinen Abbruch. Mein Bürokollege Daniel überlässt mir sein Exemplar zur Zweitverwertung und das gibt mir das beruhigende Gefühl, den Herrn Dr. M. nicht persönlich mit einem Blattkauf unterstützt zu haben.

In Nummer 5 vom 2. Februar findet sich ein Interview mit Prof. Dr. Thomas Zeltner, dem Direktor des Bundesamtes für Gesundheit BAG. Die Rede ist von der Gesunderhaltung des helvetischen Volkes, das befragende Journalistenteam will alles wissen über Aids-Prävention, Anti-Raucher-Kampagnen, Kiffer-Prophylaxe, Sucht-Bekämpfung jeglicher Art, Suizid bei Jugendlichen… nur dem Übergewicht und seinen fatalen Folgen gilt keine Frage.

Zeltner selber ist es, der das Thema kurz anschneidet, indem er darauf hinweist, dass unter anderem auch übermässiges Körpergewicht einer der Gründe für die niedrigere Lebenserwartung der jungen Generation sei. – Und erklärend fügt er bei: „…dem Übergewicht stehen wir als Staat ratlos gegenüber: Ich habe kein Rezept, was wir machen könnten. Wir brauchen erst wissenschaftliche Evidenz, what works and what doesn’t work. Mehr Bewegung wirkt, das wissen wir…“

Ist eine etwas karge Erklärung für einen Zustand, der mindesten zwei Komponenten hat: Körperliche Bewegung auf der einen Seite (um Energie zu verbrauchen) und gemässigte Nahrungsaufnahme auf der andern Seite (um weniger Energie aufzunehmen). – Diese andere Seite der „Balance“ lässt Zeltner aus, getreu der Devise seines Dienstherrn Couchepin, der nicht müde wird, zu verkünden, der Staat habe im Teller des Bürgers nichts zu suchen.

Dabei wäre es eigentlich simpel: Eine Kalorie, die man gar nicht erst zu sich genommen hat, die muss man sich auch nicht durch vermehrte Bewegung wieder vom Leib schaffen!




9/2  Wie gewonnen – so zerronnen?

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:04

O, schmölze doch dies allzu feste Fleisch… – dieses „geflügelte Wort“ aus Shakespeares Hamlet ging mir spontan durch den Kopf, als ich heute Morgen in der Zeitung die Bilder von der drastischen Gletscher-Schmelze sah, die Eis-Zungen, die sich – immer kleiner werdend – in die Bergtäler zurückziehen, bis zu 200 Meter in einem Jahr.

Ich griff dann zum Zitaten-Duden, um die Herkunft des Satzes genauer zu überpüfen, und siehe da: Der Ausspruch (dessen zweite Hälfte merkwürdig gut zum Gletscherbild passt: …zerging und löst in einen Tau sich auf!) steht in Zusammenhang mit der Todessehnsucht des Prinzen von Dänemark, aber das schlaue Buch von Vater Dudens Nachfahren weiss: „Das Zitat wird heute selten und wohl nur noch scherzhaft angeführt; denkbar wäre es als Anspielung auf die Mühsal einer Abmagerungskur…“

Und da sind wir dann unversehens bei unserem Blog-Thema und bei der „Mühsal“ des Abnehmens gelandet. Leider lässt sich der hamletsche Stossseufzer nicht einfach so realisieren und kann man noch immer nicht durch irgendwelche Drogen oder listige Vorrichtungen die Pfunde zum still vor sich hin Schmelzen bringen. „Im Prinzip nein – wird aber immer wieder versucht…“, wie es einst bei Radio Eriwan hiess, auf die Frage, ob gleichgeschlechtliche Paare denn auch Kinder kriegen könnten. But that’s another story.

Nein, eine Studie (was denn sonst) hat unlängst bestätigt, was wir alle schon wissen, seit wir das Problem haben: Wer mit einer strengen Diät die Nahrungszufuhr drosselt, nimmt zwar ab, kann aber das tiefere Gewicht nur halten, wenn er anschliessend zu einer dauerhaften, energiereduzierten und ausgewogenen Ernährung übergeht. Sonst droht unausweichlich der Jojo-Hammer. Jetzt haben wirs also wissenschaftlich und an Vergleichsgruppen ausgetestet, da wird es ja wohl so sein!

Nichts ist mit „zerrinnen“, vielmehr muss man das neue, tiefere Gewicht immer wieder frisch und dauerhaft „erringen“.




8/2  Mann-o-Mann!

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:34

Das kam ganz unerwartet, und das kam so: Gestern rief eine PR-Agentur bei uns im Büro an. Man sei (infolge einer Absage) auf der Suche nach einem Fachpartner für einen Austellungs-Stand an der MUBA, und dabei sei man auf die Schweizerische Adipositas-Stiftung SAPS gestossen.

Worum es denn geht? – Thema ist „Männergesundheit“, und die (oder deren Abwesenheit) besteht zu einem grossen Teil aus dem, was man als das Metabolische Syndrom bezeichnet, kurz und laienhaft charakterisiert das Zusammentreffen von Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes mellitus und Herzkranzgefäss-Problemen. – Motto: „Mann-O-Mann“

Ein Krankheitsbefund, der gehäuft bei Männern in einem bestimmten Alter anzutreffen ist und der mit zunehmendem Übergewicht auch zunehmend gravierendere Folgen hat, im Sinne einer drastischen Verkürzung der Lebensdauer, ganz abgesehen von der massiv sinkenden Lebensqualität.

Also ein Ausstellungsthema, bei dem wir eindeutig Kompetenz haben. Wir sind mit Begeisterung dabei! Aber es gibt ein Handicap: Die MUBA beginnt in 9 Tagen! – Mann o Mann! Da heisst es: In die Hände gespuckt und gemeinsam eine gute Performance auf die Beine gestellt. Und alle anderen Dinge laufen full power weiter, als wäre nichts gewesen…

Solche „Übungen“ machen mir eigentlich Spass, denn es gehört zu unserem SAPS-Kerngeschäft, Interessierte und Betroffene zu informieren und ihre Anliegen entgegenzunehmen, hoffentlich Vieles zu lernen, das anderen wieder zugute kommt, und allen, die uns live erleben wollen, gilt schon jetzt ein herzliches: Auf Wiedersehen an der MUBA, in der Gesudheitsausstellung in Halle 2, vom 17. bis zum 26. Februar 2006. In Basel.




7/2  Nur keine Gesetze!

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 18:02

Den zweiten Tag im Übergewichts-Symposium vom EUROFORUM der HandelsZeitung eröffneten zwei Präsentationen aus dem Nachrungsmittelbereich: Franz Schmid von der Föderation Schweizerischer Nahrungsmittel-Industrien (fial) legte dar, dass in seiner Organisation das Thema Fettleibigkeit seit vier Jahren ein „Issue“ ist, ein Thema also, zu desen Behandlung eine spezielle Arbeitsgruppe eingesetzt wurde. Bei einer internen Umfrage haben 32 (von 202) Mitglied-Firmen erklärt, sie wären bereit, über selbstverantwortete Werbe-Einschränkungen „zu diskutieren“. Er machte aber auch klar, wie schwierig die Umsetzung bestimmter Massnahmen bei der Deklaratoin für kleinere Anbieter sein könnte. Und kein Weg führt daran vorbei, dass der mündige Konsument seine Eigenverantwortung wahrnehmen muss…

Mustergültig und beeindruckend zeigte Christiane Kühne, Leiterin der „Corporate Wellness Unit“ von Nestlé, auf, was die Nummer eins im Foodbereich weltweit an strategischen Vorkehrungen getroffen hat, um den neuen Herausforderungen an einen bewussteren Umgang mit dem Lebensmittel-Verzehr nachzukommen. Anhand von internationalen Beispielen erläuterte sie die Möglichkeiten einer lesbaren und verständlichen Nährwert-Deklaration und die transparente Kommunikation (wobei als Beobachter zu sagen ist, dass „man“ von all dem bisher noch nicht Vieles bewusst wahrgenommen hat…).

Marketingmann Ingo Barlevic, dessen Institut auf die Marktforschung in jungen Zielgruppen spezialisiert ist, erläuterte verblüffende Erkenntnisse über die Reaktionen von Kindern und Jugendlichen auf Werbebotschaften und widerlegte anhand seiner Studien die gängige Meinung, Werbung trage „Schuld“ am kindlichen Übergewicht; die Kleinen sind offenbar „werbe-resistenter“, als die besorgten Kindeschützer bisher angenommen haben. – Spannend die Darlegungen von Kathrin Rapp Schürmann (coop) und Daniel Hug (Weight Watchers) zur Ernährungs-Politik des Grossverteilers und über erste Erfahrungen aus dem Zusammengehen der beiden Unternehmungen, wobei es Weight Watchers ein Anliegen ist, sich nicht nur als Gewichtsreduktionsprogramm für Adipöse zu positionieren, sondern generell all jene anzusprechen, die ihr gesundes Körpergewicht behalten möchten.

Mit z.T. provokativen Thesen mischte der Kommunikationsprofi Roland Bilang von der PR-Agentur Burson-Marsteller die Runde auf: Die Lebensmittelproduzenten müssten in die Offensive gehen, aktiv informieren, „Meinungen“ herstellen und beeinflussen, denn: „Es sind nicht die Tatsachen, die das Verhalten der Menschen bestimmen, sondern die Meinungen über die Tatsachen.“ – Zuim Abschluss informierte der Jurist Markus R. Frick über die Rechtslage in der Schweiz, über bereits bestehende Regelungen, was die Namensgebung, Anpreisung und Deklaration von Lebensmitteln betrifft.

Aus den verschiedenen Diskussionsrunden zu den einzelnen Themen wurde dreierlei klar: 1. es war nötig, dass die verschiedenen „Player“ einmal zusammengekommen sind; 2. der Dialog muss unbedingt konstruktîv fortgesetzt werden, die Bereitschaft dazu ist überall spürbar; 3. nur mit gemeinsamen Anstrengungen und innovativen Lösungen in eigener Verantwortung kann vermieden werden, dass auf dem Gesetzesweg restriktive Regelungen eingeführt werden müssen.

Ich habe mich an dieser Stelle schon verschiedentlich mit der Frage der freiwilligen Selbstbeschränkung befasst und würde sie – im Prinzip – noch so gerne unterstützen. Aber die Diskussion hat auch gezeigt, dass nach (allzu) langer „Vorlaufzeit“ nun jemand die Initiative ergreifen muss, um die richtigen Akteure an einen neutralen „runden Tisch“ zu laden und um einen Plan für ein koordiniertes weiteres Vorgehen zu erarbeiten. Wir von der Adipositas-Stiftung SAPS sind bereit, in einem solchen Prozess mitzuwirken.




6/2  Chancen und Gefahren…

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 21:39

„Übergewicht – Chancen und Gefahren für Nahrungsmittelindistrie und Handel“ – so lautet der Titel einer hochkarätig besetzten Fachtagung, die am 6. und 7. Februar in Zürich stattfindet, organisiert vom EUROFORUM.

Der Wortlaut des Themas verblüfft auf den ersten Blick: Dass unser Übergewicht eine der grössten derzeitigen und künftigen Gefahren für die Gesundheit der Menschen darstellt, ist inzwischen unbestritten… dass es aber auch eine Gefahr für die Nahrungsmittelindustrie sein könnte, das wäre mir nicht in den Sinn gekommen. – Auf den zweiten Blick wird klar: Zur Gefahr für Industrie und Handel könnten in der Tat allfällige gesetzliche Regelungen und Einschränkungen werden, die im Ausland z.T. bereits eingeführt sind; und die Chance würde darin bestehen, dass die Branche sich selber rechtzeitig und wirksam einen Verhaltenskodex gibt, der solche Eingriffe des Gesetzgebers unnötig machen würde.

Am heutigen ersten Tag wurden in eindrücklichen Referaten die Rahmenbedingungen vorgestellt. Die Präventivmedizinerin Monika Eichholzer hat es griffig formuliert: Unsere Gene haben sich in den letzten paar Tausend Jahren nicht verändert, aber die Umwelt schafft rapide und laufend neue Bedingungen mit Nahrungsüberfluss und Bewegungsmangel. Das muss geändert werden. Paul Walter, Präsident der Gesellschaft für Ernährung und Tagungspräsident, skizziert die Bedeutung der „richtigen“ Ernährung für unsere Gesundheit. – Der Marktforscher Daniel Elmiger von ACNielsen SA durchleuchtet den gläsernen Light-Konsumenten und sein Kaufverhalten: 10,2% beträgt heute der Anteil der Light-Produkte am Lebensmittelmarkt, da kann also noch zugelegt werden. Auf der andern Seite hat das Gesundheitsbewusstsein bei der Bevölkerung merkwürdigerweise abgenommen…

Jürg Lüthy, Ernährungsspezialist aus dem BAG, zeigt die Möglichlkeiten (und auch die Grenzen) auf, die der Gesetzgeber heute in der Schweiz hätte, analog zu Erfahrungen im Ausland regulative Massnahmen umzusetzen, und Bertino Somaini von der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz warf einen Blick auf mögliche Szenarien für die Umsetzung dieser Massnahmen. Stephan Becker-Sonnenschein von Kraft Foods Deutschland (weltweit der zweitgrösste Nahrungsmittel-Hersteller nach Nestlé) schilderte die strategischen Massnahmen, die sein Konzern in Eingeverantwortung umgesetzt hat, um seiner Verantwortung vor allem gegenüber den Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden. Den Abschluss bildete schliesslich der Bericht des Europaabgeordneten Holger Krahmer von der deutschen FDP über den Stand der Arbeiten in Brüssel.

Fazit: Das Thema ist brennend wichtig und wird auch ernst genommen, das zeigen die Gespräche in den Kaffeepausen und beim Mittagessen. Morgen sind die VertreterInnen der Wirschaft am Zug und ich bin gespannt auf das Resultat dieser „Konferenz des guten Willens“, wenn es denn nicht dabei bleibt.




5/2  Gina will abspecken

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 14:30

Auf dem „Kinderkanal“ von ARD und ZDF gab es eine beeindruckende Dokumentation über ein 14jähriges Mädchen, das abnimmt. Eine Langzeit-Beobachtung über ein Jahr, mit offenem Ausgang.

Gina war zehn Jahre alt, als ihre Eltern sich trennten. Vater und Mutter, das muss festgehalten werden, sind deutlich übergewichtig, so verwundert es kaum, dass zwei der drei Kinder die Veranlagung schon mit bekommen. Gina bleibt mit ihrer älteren, schlanken Schwester bei der Muter, aber unter der seelischen Belastung sucht sie Trost beim Essen und es beginnt der zwangsläufige Teufelskreis: Futtern, zunehmen, in der Schule gehänselt werden, noch mehr in sich hineinstopfen, Rückzug von den Kameraden, zu Hause bleiben, essen…

Mit 120 Kilo wird das Kind vom Arzt für 6 Wochen in eine Reha-Klinik eingewiesen. Dort fühlt sich Gina unter ihresgleichen wohl und sicher. Sie nimmt 13 Kilo ab. Sie lernt sich bewegen und bewusst essen… und will am Schluss gar nicht mehr in ihre Familie zurück. Ein ganzes Jahr darf sie in der Klinik verbringen.

Der Film zeichnet diese 12 Monate nach, mit allen Tiefen und Höhepunkten, Erfahrungen, Freundschaften, Einsichten und Frustrationen, wenn sich etwa die Waage nicht mehr bewegt oder wenn nach dem Urlaub bei der Familie über die Festtage drei Kilos mehr zu verzeichnen sind… Es ist ein eindrückliches Porträt eines jungen Menschen, geprägt vom Willen, sich zu verändern, selbstbewusst und offen in der Welt zu stehen, im täglichen Kleinkampf gegen den eigenen Missmut und die zahlreichen Versuchungen.

Gina bringt am Schluss nicht nur gute Noten aus der Schule heim, sie hat nach einem Jahr 30 Kilo abgenommen und ist eigenständiger, sicherer geworden. Eigentlich möchte sie nochmals ein Jahr in der Klinik bleiben und weitermachen… – Der Film stimmt nachdenklich: Wir können ja nicht alle übergewichtigen Teenager für ein Jahr und länger in eine Klinik schicken. Und der Film berichtet zwar sehr subtil über dieses einzelne Schicksal; aber er sagt nichts zu den Kosten, wer dafür aufkommt, zur Anzahl der Kinder, denen auf eine so intensive Weise geholfen werden kann.. er weckt Hoffnungen bei Betroffenen, aber macht die Orientierung nicht leicht. So zeigt er letztlich das gesundheitspolitische Dilemma auf, in dem wir stecken bleiben, wenn es uns nicht gelingt, über eine gezielte und wirkungsvolle Aufklärung und Prävention viel früher schon etwas zu erreichen.