27/1  Arm und dick

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:19

Kleine Nachlese zum gestrigen – und im Rückblick einzigen *) – Höhepunkt der Nationalen Gesundheitsförderungs-Konferenz. Ein weiteres Referat hat sich am Freitagvormittag mit der Thematik befasst: Gesundes Körpergewicht und soziale Benachteiligung: Neue Ungleichheiten in der Überflussgesellschaft.

Was hier so relativ sachlich-theoretisch klingt, das verschärft und präszisiert, ja lokalisiert eine der Aussagen, die Prof. James gestern schon gemacht hat: Übergewicht ist eine Armeleute-Krankheit. – So paradox es klingen mag, wenn man landläufig die wuchernden Fettpfunde mit „Überfluss“ assoziiert, so spricht die Statistik auch in der Schweiz eine klare Sprache, wie der Zürcher Soziologe Markus Lamprecht einleuchtend darlegte.

Bei Leuten mir geringem Einkommen ist Adipositas auffallend häufiger anzutreffen als bei der Schicht der besser Betuchten… und das ist die pure Umkehrung früherer Verhältnisse. Noch vor hundert Jahren war Dicksein ein Zeichen von Wohlstand, man war „beleibt“, „stattlich“, hatte eine „imposante Postur“, wie sie Würdenträgern, Generälen, Fürsten geziemte.

Heute sind unförmige Körper ein Synonym für Haltlosigkeit, Selbstaufgabe, Genusssucht. Und extrem verkehrt sich der Wahn bei jungen Frauen ins Gegenteil. Die Models, die vom Laufsteg über Frauen- und Modezeitschriften den Trend prägen, weisen im Durchschnitt noch einen BMI von unter 17 auf, sind also nach allen Regeln der medizinischen Kunst magersüchtig… Was auch dazu führt, dass immer mehr Jugendliche mit ihrem Körper unzufrieden sind.

Woher kommt dieses Unterschichten-Phänomen? – „Schlechte“ Fette sind billiger und in grossen Mengen verfügbar; „gute“ Nahrungsmittel, fett- und kalorienbewusst zubereitet, sind teurer, exklusiv. Der schnelle Food aus der Mikrowelle ist günstig und braucht nicht viel Zeit für die Zubereitung; „gesundes“ Kochen mit Frischprodukten ist ein Luxus, den sich immer weniger leisten können. Wer ums Überleben arbeiten muss, hat weder die Musse noch die Zeit, den wohlmeinenden Empfehlungen nachzuleben, die da lauten: Langsam essen, geniessen, die kleinen Bissen bewusst und ausdauernd kauen, bis sie im Mund ihren vollen Geschmack entfalten…

Bisher haben wir oft mitleidig nach USA geblickt und sind uns ja wieder so viel besser vorgekommen. Aber die Statistik lügt nicht. Es hat uns voll erwischt. – Am Ende der Tagung nimmt mich Bertino Somaini, der Direktor der Stiftung „Gesundheitsförderung Schweiz“, zur Seite und sagt zum Abschied: „Sehen Sie, nun sind wir voll bei Ihrem Thema.“ Da hat er Recht, es wurde auch Zeit.

*) PS: Ich tue meinem ehemaligen Radiokollegen, dem Psychologen Peter Schneider, brutal Unrecht: Seine Aufgabe war es, am Ende eines Tagungs-Tages jeweils in satirischer Form eine Bilanz zu ziehen. Und das, das waren dann die anderen, effektiven Höhepunkte, die den Tagungsbesuch zum Erlebnis machten.




26/1  Es fängt erst an

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:21

Grosse nationale Gesundheitsförderungs-Konferenz in Aarau. Über 400 Teilnehmende, Regierungsvertretungen vom Bundesrat bis zum Stadtpräsidenten, und erstrangige internationale Experten.

Prof. W. Philip T. James ist Chairman der internationalen „Obesity Task Force“ mit Sitz in Londen. Er kennt die Welt des Übergwichts wie seine Hosentasche, hat in allen Herren Ländern mit Regierungen, Wirtschaftsführern, Wissenschaftern konferiert auf der Suche nach Strategien und Lösungsansätzen im Kampf gegen die Epidemie des 21. Jahrhunderts, die im Begriff ist, eine Pandemie zu werden. Die Zahlen sind ja bekannt: 1,7 Milliarden Menschen sind weltweit übergewichtig und es werden explosionsartig laufend mehr.

Was dagegen zu unternehmen sei? James ist knallhart und desillusioniert. Um die Kinder zu schützen, muss als erstes die TV-Werbung für fette und süsse Nahrungsmittel verboten werden; in den Schulen braucht es eine rigorose Kontrolle des Essverhaltens; in Nähe der Schulen darf es keine Fast-Food-Angebote mehr geben. – Und für die übergewichtige Bevölkerung fordert er: Ampel-Symbole zur Kennzeichnung der „gefährlichen“ Nahrungsmittel, Fettsteuer, Verbilligung von Früchten und Gemüsen, Import-Beschränkungen.

Bundesrat Pascal Couchepin hatte in seinem launigen Begrüssungsvotum einmal mehr das hohe Lied der persönlichen Verantwortung jedes einzelnen gesungen und dargelegt, dass es nicht Sache des Staates sei, sich in die Lebensgewohnheiten seiner Bürger einzumischen. – Das ist, mit Verlaub, Herr Bundesrat, die billigste Formel, sich als Politiker vor der Verantwortung zu drücken, mutige, aber unbequeme Entscheide zu treffen.

Im anschliessenden Kolloquium legt Prof. James dar, was er von derlei „Gesundheitspolitik“ hält: Gar nichts! – Der Appell an die Selbstverantwortung sei angesichts der Übergewichtsproblematik in etwa das Falscheste, was man propagieren könne. Die menschliche Natur sei nun einmal darauf ausgelegt, sich mit einem Minimum an Aufwand ein Maximum an Genuss zu verschaffen… da hülfen nur strikte Regelungen, um Betroffene vor sich selbst zu bewahren. Der „freie Markt“ setzt die Konsumenten unter Druck, durch Zugabe von Aromen werden die Leute gezielt konditioniert, so dass sie abhängig werden; als die Ketchup-Firma „Heinz“ den Salzgehalt in ihren Produkten reduzierte, wechselten die Verbraucher zur Konkurrenz, was „Heinz“ dazu bewegte, sich eine verbindliche staatliche Richtlinie für alle zu wünschen…

In Finnalnd waren Regierung und Medizin untätig, bis sich im Volk der Widerstand regte und durchgesetzt wurde, dass bei jedem Lebensmittel-Verkaufspunkt auch Früchte und Gemüse zu erschwinglichen Preisen angeboten werden musste. – In Singapore wurde mit drastisch-diktatorischen Massnamhen (Berufsverbote für Übergewichtige, Ausgrenzung dicker Kinder in der Schule) innerhalb von drei Jahren die Anzahl der Übergewichtigen von 16 auf 10% gesenkt.

Der Erklärung der Süssgetränkehersteller, die gestern in Brüssel publik wurde, sie wollten ihre Werbung einschränken, die sich an Kinder richtet, steht James skeptisch gegenüber: PR-Proklamationen seien das eine, deren Vollzug in der Praxis aber kaum zu kontollieren.

Ein beklemmendes Panoptikum, das uns da geschildert wird… Der Kampf will geführt sein. Die Tagung geht am Freitag weiter, und wenn die Schweiz meint, sie habe die Sache im Griff, dürfte sie sich irren. Es fängt erst an.




25/1  Nanozauber

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:39

Das ist mal ein Knüller, mit dem uns der TagesAnzeiger auf seiner WISSEN-Seite den Mund wässrig macht: Da werde an Nahrungsmitteln geforscht, deren Kalorien – dank Nano-Technologie – gar nicht mehr vom Körper aufgenommen würden…

Wie, was? Gehen da etwa unsere kühnsten Träume in Erfüllung? Schlemmen nach Herzenslust – und es macht nichts aus, weil die winzigwinzigkleinen Helferlein (ein „Nanopartikel“ ist kleiner als 100 Nanometer, also kleiner als 100 Milliardstelmeter…) dafür sorgen, dass die energiehaltigen Nährstoffe gar nicht in die Körperzellen gelangen können und wir uns nur am guten Geschmack laben dürfen?

So etwa könnte man die Sache beim Lesen der Titel und Schlagzeilen interpretieren… aber das ist falsch. Und die Hoffnung verfrüht. Zwar wird emsig an diesem Thema geforscht und in St.Gallen fand offenbar heute ein Seminar zum Thema „Nanotechnologie in Lebensmitteln und Verpackungen“ statt.

Dabei ging es allerdings weniger um den Verzehr und dessen energetische Wirkung (oder eben Wirkungslosigkeit) als vielmehr darum, mit „schlauen Winzpartikelchen“ etwa eine Fleischverpackung dazu zu bringen, ein sichtbres Zeichen zu geben, sobald ihr Inhalt nicht mehr geniessbar ist… oder bestimmte Lebensmittel zu „befähigen“, sich zu verfärben, wenn ihre Haltbarkeit definitiv abgelaufen ist.

Anderseits könnte eine „nano-mässige“ Beschichtung und Verpackung von Farb- oder Aromastoffen dazu beitragen, dass viel weniger davon verwendet werden muss. – Aber das ist im Moment alles noch Gegenstand forscherischer Spekulation, die zwar mit intensiven Versuchen auf dem Weg zum Ziel ist, dieses aber noch in weiter Ferne weiss.

Also können wir ab sofort die Erwartungen wieder kleiner schrauben. Und irgendwie mutet es ja auch paradox an, dass wir einerseits in höchsten Tönen davor gewarnt werden, dass der „Feinstaub“ bis in die Zellen des Körpers vordringen könnte… während auf der andern Seite an noch viel feineren Nano-Stäubchen gebastelt wird, von denen man möchte, dass sie durch unsere Körper gehen. – Muss man ein vorgestriger Fortschrittspessimist sein, um hier den Warnfinger zu heben und die Zauberlehrlinge vor übereilten Freisetzungsversuchen zu warnen?




24/1  Grosse kleine Welt

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:46

Ein Tag auf Reisen in Sachen Kinderhilfswerk „Terre des hommes“: am Morgen nach Lausanne zu einem Meeting mit Burkhard Gnärig, dem CEO der internationalen Allianz „Save the Children“, der auf seinem Weg von London nach Davos zum WEF bei uns einen Zwischenhalt macht für einen Gedanken- und Erfahrungsaustausch über Aspekte der Globalisierung im Zusammenhang mit der Hilfswerktätigkeit.

Am Abend dann ins basellandschaftliche Sissach, wo im privat-familiären Rahmen eine Einladung gegeben wird zu Ehren der Ärztin Dr. Noorkhanum Ahmadzai. Sie ist Leiterin eines beeindruckenden Tdh-Hilfsprojekts in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans. Dort sind über dreissig Hebammen im Einsatz, die rund um die Uhr junge Mütter mit Aufklärung und Beratung begleiten und so im eigentlichen Sinne Lebenshilfe leisten; das einzige ausländische Hilfsprojekt, das auch während der Taliban-Zeit im Land geblieben ist und arbeiten konnte.

Dr. Noorkhanum ist eine aufgestellte, lebenslustige Frau, aber sie hat Not und Elend in einem Land erlebt, das während Jahrzehnten unter wechselnden Kriegen zu leiden hatte. Sie kennt bittere Armut, Hunger und Entbehrung. Auch sie wird am Freitag nach Davos reisen, um dort auf einem Panel des „Open Forum“ über Menschen- und Kinderrechte zu diskutieren. Mit am Tisch wird UNICEF-Ambassadorin Angelina Jolie sitzen, dank deren Präsenz die Boulevardmedien aufgeregt auch über ein Thema berichten, das ihnen sonst wohl kaum manche Zeile wert gewesen wäre.

Eine spannungsvolle Kombination: Hier die fleischgewordene Verkörperung der Lara Croft, ein vom Leben verwöhntes Luxusgeschöpf aus der Jetsetteria mit sozialem Engagement… und dort die Medizinerin, die sich unter gesellschaftlich extremsten Bedingungen ihren Platz in einer Männergesellschaft erkämpft hat und täglich ein Pensum absolviert, das schlicht Bewunderung verdient.

Wir sitzen an der Tafel und realisieren, wie gut es uns geht. Vor drei Jahren habe ich Noorkhanum in Kabul besucht, ihre Arbeit kennen gelernt und gespürt, mit welcher Intensität und welchem Überlebenswillen ein Volk darum kämpft, wenigstens wieder eine menschenwürdige Existenz zu finden, und welche Last auf den Schultern der Frauen liegt, die Leben gebären und auch erhalten müssen…

Da werden unsere eigenen „Probleme“ ganz klein und es fällt mir nicht ein, an diesem Abend lange über Übergewichtsprobleme reden zu wollen. Denn schon nur der Gedanke daran, am gleichen Tisch mit jemandem zu sitzen, für den Hunger und Not zur alltäglichen Realität gehören, verbietet es. Wir merken, dass wir hier eigentlich im Paradies leben. Und dass uns dies nur selten bewusst wird, so selbstverständlich ist alles.

Die Zeit ist um, mein Zug zurück nach Zürich fährt ein einer Viertelstunde… Wer hat sein Auto zuvorderst? Es ist der Regierungsrat und Erziehungsdirektor, der dieser Runde die Ehre gegeben hat. Er fährt mich zum Bahnhof. Selbstverständlich. Wir haben es gut.




23/1  Am Ende des Tags

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 22:57

An sich habe ich das nicht häufig… aber der heutige Montag hat mich geschafft. Samstag/Sonntag waren wir an der Gesundheitsmesse und den ganzen Tag herumstehen oder -sitzen mit Publikumskontakt hat so seine Tücken, bei aller Liebe zur Sache. Dann heute zurück ins Büro.

Zwei unterschiedliche Gespräche mit Leuten, die verschiedene Programme anbieten wollen zur Behandlung von Übergewicht auf der Basis der Erkenntnisse der Traditionellen Chinesischen Medizin TCM. Das sind relativ neue Trends, zu denen es noch keine Erfahrungswerte gibt. Auf der einen Seite sind die jahrtausendealten, als gesichert geltenden Werte einer traditionellen Medizin auf der Basis urtümlicher Naturgesetze und -Wirkungen, auf der andern Seite die Erfordernisse einer aufgeklärten Schulmedizin, die nach „evidenzbaiserten“ Beweisen für die Wirksamkeit einer Therapie verlangt..

Wo soll sich da eine Stiftung positionieren, die seriös und ernsthaft erscheinen will, und die doch den rat- und hilfesuchenden Menschen eine möglichst vielfältige Palette von Möglichkeiten anbieten möchte, mit denen sie eine Lösung für ihr individuelles, persönliches Problem finden können? – Wir wollen offen sein für Neues, sofern es nicht eindeutig auf Abzocke und Irrführung mit falschen Heilsversprechungen angelegt ist… Aber das ist nicht immer einfach.

Dazu hatten wir heute den Versand von ca. 2’000 Exemplaren unseres Mitgliedermagazins „saps.ch“, das auch an zahlreiche Arztpraxen ins Wartezimmer geht, zu Medien, Interessierten, etc., die in Couverts und Kartons verpackt und zur Post geschleppt werden wollten.

Und dann, zum Abschluss des Abends, war endlich noch das Protokoll zu schreiben über eine Konferenz von 15 Hilfswerk-Präsidenten der letzten Woche… Und jetzt, am Schluss, erscheint das Verfassen des Blog-Tagebuchs geradezu als das kleine Sahnehäubchen auf einem starken Kaffee eines erfüllten Montags. Gut Nacht.




22/1  Knusperflocken vor Gericht?

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 22:50

Da war zuerst die Meldung am Radio: Im Amerika werde geprüft, ob man den Frühstücksflockenhersteller Kellogg im Interesse der übergewichtigen Kinder verklagen wolle. Nicht ihn allein, sondern mit ihm den Multimediariesen Viacom, der unter anderem auch über den Kinder-Fernsehkanal „Nickelodeon“ gebietet.

Casus belli ist die Tatsache, dass in den Kinderprogrammen massiv für Nahrungsmittel geworben wird, die unter gesundheitlichen Aspekten „bedenklich“ sind: zu fett, zu süss, „leere“ Kalorien… und die Botschaft der Werbung lautet, solche Produkte seien gesund (man denkt dabei hierzulande an die Fruchtzwerge, die Milchschnitten, die Kinder-Überraschung und anderes mehr). Dadurch würden die Bemühungen der Eltern, ihre Sprösslinge zu vernünftigem Essverhalten anzuleiten, torpediert und zunichte gemacht.

Deshalb sollen erstmals nicht nur die Hersteller der ungesunden Produkte belangt werden, sondern gleichzeitig auch ein Medienkonzern, der diese Botschaften den Kindern vermittelt. In einer Studie war 2005 festgestellt worden, dass Kinder der festen Überzeugung sind, Lebensmittel, für die im Fernsehen geworben wird, seien gesund. Zudem können Kinder unter acht Jahren die Werbung gar nicht als solche erkennen.

Die US-Werbewirtschaft streitet einen direkten Zusammenhang zwischen Werbung und den „schlechten“ Essgewohnheiten der Kinder zwar ab; ob diese Schutzbehauptung jedoch aufrecht zu erhalten ist, wird der weitere Verlauf der Auseinandersetzung weisen. Offenbar wollen die engagierten Kreise nicht länger auf die versprochene Selbstkontrolle der Food-Produzenten und der Werbung vertrauen und auch nicht länger auf die gesetzgeberische Initiative der Politik warten: Das Gericht solls richten. Warten wir ab. Der Ausgang dürfte Signalwirkung haben.




21/1  Messebesuch

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 22:10

Samstag und Sonntag: Teilnahme am diesjährigen Ostschweizer Gesundheitssymposium in der OLMA-Halle 9.

Die Veranstaltung hat bereits Tradition. Organisiert vom Kantonsspital St.Gallen, präsentieren sich die verschiedenen Abteilungen mit ihren Dienstleistungen, offerieren gratis Gesundheits-Checks und führen Informationsveranstaltungen durch, Fachvorträge und Kolloquien.

Eingebettet in den Sektor „Übergewicht“ hat auch die SAPS einen kleinen Info-Stand, wo wir unsere Drucksachen auflegen und vor allem das Gespräch suchen können mit Menschen, die mehr wissen wollen darüber, wo sie sich orientieren können über die Möglichkeiten für eine Behandlung.

Vielfältige Kundschaft dockt bei uns an, obwohl es nichts gratis gibt – ausser unseren Empfehlungen. „Dicksein ist keine Schande“ haben wir als Slogen für uneren Banner gewählt, und es ist interessant zu beobachten, was sich in den Gesichtern mancher Messebesucher abspielt, wenn sie diese Worte zuerst von weitem sehen, sie dann lesen und einzuordnen versuchen. Kommt ein etwas übergewichtiges älteres Ehepaar daher, so nickt die Frau dem Mann meistens verständnisvoll zu oder stupst ihn in die Seite, als wollte sie sagen: „Siehst du!?“

Andere, die es nicht nötig haben, bleiben kurz stehen, stutzen, schütteln ein wenig den Kopf – und gehen dann zügig weiter. Und dann gibt es jene, die direkt auf unseren Tisch zukommen und fragen: „Habt ihr noch diese Broschüre mit dem Ess-Typ-Test?“ Oder die uns ihre Geschichte erzählen und wissen möchten, an wen sie sich wenden können. Oder jene, die voller Stolz von ihrem Abnehm-Erfolg berichten und wie sie es gemacht haben.

Es ist wichtig, Gelegenheit zu haben, jenen Menschen und ihren Schicksalen zu begegnen, für die wir uns in der Stiftung einsetzen. Am Sonntag sind wir wieder dort, von 10 bis 17 Uhr.




20/1  Leichte Küche – light

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:01

Alles kocht uns was vor. Jetzt ist das ZDF dran, bzw. dessen Johannes B. Kerner, genannt jbk mit seinem Spitzenköche-Team.

Sarah Wiener, Horst Lichter, Dieter Müller, Rainer Sass und Rolf Zacherl haben sich vorgenommen, leichte Küche für den Alltag zu kochen. Die einzelnen Gerichte, die das Quintett da wortreich vor unseren Augen zubereitet, klingen freilich nach allem anderem als alltäglicher Hausmannskost: Gedünsteter Saibling, gebratener Wirsing, Steinbutt-Lachsroulade, Geflügeleintopf mit Garnelen und Bananen-Ingwer-Rotweincrème, dazu die jeweiligen raffinierten Beilagen…

..und weil man das alles ja bei dem Tempo überhaupt nicht im Kopf behalten kann, lassen sich die Rezepte zum Glück mit einem Mausklick herunterladen. – Das klingt alles sehr überzeugend: das Öl wird mit dem Finger aufs Fischfleisch aufgetragen, das Gemüse wird taufrisch verarbeitet… dann aber gleitet doch wieder ein schönes Stück Butter fast unbemerkt in die Kasserole und der Rahm für die Farce bei der Steinbutt-Roulade ist auch nicht ohne, wenn er sich im Mixer mit den Kräutern bindet…

„Reine Diätküche!“ – werden die Chefs nicht müde zu betonen, und mit der Zeit glaubt man’s ja auch, denn zum Glück findet das alles hinter der leicht gewölbten Glasscheibe des Fernseher statt. Und wenn die Kostproben im Publikum herum gereicht werden und wenn man sieht, mit welch zupackenden Bewegungen sich die diätbedachten Gäste die Häppchen schnappen und reinstopfen… dann ist man direkt froh, dass der Kühlschrank heute Abend leer ist und es nicht so schwer fällt, der Versuchung zu widerstehen.

Was wollen uns solche Sendungen sagen? Dass man nachts zwischen 23 Uhr und Mitternacht zu fünft kochen soll? Dass man den violetten Senf mit dem eingedickten Traubensaft kaufen muss? Oder ganz simpel und gerade heraus: Wenn du so lecker speisen willst, dann versuch gar nicht erst, es selber zu bruzzeln – geh lieber direkt in das Mehrstern-Etablissement, wo die Kochprofis dir ihre Spezialitäten auf den Teller zaubern. – Ob er in seinem Lokal auch diese fettbewussten, leichten Gerichte auf der Karte habe, fragt jbk einen der Köche… – der zögert ein wenig. Eigentlich selten, sagt er.




19/1  Eine wahre Katastrophe

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 23:28

In Zürich läuft etwas, das man Wahlkampf nennt, das aber keiner sei. Sagen die, die darüber berichten müssten.

Ich wurde – als ehemaliger Radiomann – eingeladen an ein Podiumsgespräch, veranstaltet von einer Parteiengruppierung (Grüne, Junge Grüne und Christlichsoziale), der man landläufig keine besondere Affinität zum Ordnungsstaat und zu dessen Hütern nachsagen möchte. Und doch waren da alles Referenten mit einem ordnungsgemässen Hintergrund: Der Polizeimann, der die Katastrophen-vorsorge koordiniert, die Theologin, die als Polizeiseelsorgerin die Leute im harten Einsatz betreut, der Versicherungsspezialist, die Stadträtin… und dann noch der Journalist.

Wir haben alle „katastrophalen“ Zustände erörtert, angefangen mit demjenigen, in dem die Welt sich dank dem Menschen befindet, über medial vermittelte Events wie „9/11“, „Tsunami“ oder Erdbeben, bis zu näheren Vorkommnissen à la Flugzeug-absturz aufs städtische Wohngebiet, Unfall mit einem Tanklastwagen in der Innenstadt oder Staudammbruch beim Sihlsee…

Und erörtert wurde, wie mit diesen Ereignissen umzugehen sei, wie darüber informiert wird, wer sich vorbereitet, wer „richtiges“ Verhalten einübt und was man zur Vermeidung unternehmen könnte. – Eine sehr abwechslungsreiche Diskussion, die alle Aspekte streifte und auch Raum liess für politische Standortbezüge.

Der Versicherungs-Fachmann war es, der den Gedanken der Solidarität ins Spiel brachte: Bei der Gebäudeversicherung gibt es einen Einheitstarif, unbesehen, ob das Haus am Flussrand, im Lawinenkegel oder auf sicherer Höhe steht. Solidarisch trägt der eine das Risiko des andern mit und wappnet sich so gegen die Kostenfolgen einer Katastrophe. – Da musste ich einwenden, dass wir leider im Begriff sind, im Gesundheitswesen die Solidarität über Bord zu kippen.

Risikopatienten werden von Zusatzleistungen ausgeschlossen. Die chirurgischen Eingriffe bei Übergewicht unterliegen diskriminierenden Regelungen bezüglich Alter und „Vorleben“, wie sie keine andere Krankheit kennt! Hier bahnt sich eine Praxis der gezielten Vernachlässigung des Solidaritätsprinzips an, die uns mit panischem Schrecken erfüllen müsste. Eine wirkliche Katastrophe, denn sie ebnet der Zweiklassenmedizin definitiv den Weg, sie zwingt Betroffene in einen Rechtfertigungs-Zyklus, aus dem man bald nur noch mit Tricks und Manövern herauskommt… Und es sieht ganz so aus, als stünden wir erst am Anfang einer Spirale, die sich zuerst langsaam, dann immer schneller dreht.

Zum Wesen der Katastrophe gehört, dass man aufgeregt darüber berichtet. Es wäre an der Zeit, dass wir uns über diesen Zustand lautstark zu empören begännen.




18/1  Was ungesagt blieb

Kategorie: Allgemein    Von Heinrich von Grünigen um 21:41

In einer Live-TV-Sendung werden Minuten zu Sekunden. – Der Auftritt bei TeleZüri – TalkTäglich-Diskussion zum Thema Übergewicht – war von Chefredaktor Markus Gilli minuziös und perfekt vorbereitet worden, und als man begonnen hatte, war es schon vorbei.

25 Minuten Sendung, geteilt durch 4 Leute, sind 6 Minuten und 15 Sekunden pro Person, und das ist angesichts der uferlosen Thematik selbst für einen Berner, der schnell zu sprechen versucht, eher knapp.

So musste Einiges ungesagt bleiben, was „an sich“ wichtig gewesen wäre. Den beiden Anrufenden, die über sensationelle Resultate mit einer bestimmten Kur berichteten (9 Kilo in drei Wochen mit „anti-Jo-Jo-Garantie“!) hätte man sagen müssen, dass der wirkliche Erfolg erst in fünf bis zehn Jahren beurteilt werden kann, wenn die Nachhaltigkeit der Wirkung und die „Lebbarkeit“ des Programms ersichtlich werden.

Und jener Patientin, der eine Magenbypass-Operation empfohlen wurde und die aus Ungewissheit und Angst vor deren Ausgang ihren letzten Arzttermin hatte sausen lassen, hätte man unbedingt empfehlen müssen, sich mit einer der bestehenden Magenband- und Bypass-Sebsthilfegruppen in Verbindung zu setzen, in deren Schoss die Teilnehenden einen offenen und hilfreichen Erfahrungsaustausch pflegen und wo man sich gegenseitig Motivation und Unterstützung gibt. Die entsprechenden Informationen befinden sich auf der Website der SAPS oder auf der Linkplattform „www.sapsplus.ch“.

Man hätte auch differenzieren können und müssen zwischen den verschiedenen „Kategorien“ von Übergewicht, zwischen den zahlreichen methodischen Ansätzen, die sozusagen den Markt überschwemmen, und vor allem hätte man die gesundheitspolitischen Aspekte und die Rolle des Gesetzgebers einerseits sowie das Verhalten der Lebensmittel-Industrie und deren Lobbyisten anderseits diskutieren müssen… aber dazu wären dann wieder andere Gesprächspartner nötig gewesen.

Fazit: Die Arbeit geht uns nicht aus, und Markus Gilli hat in Aussicht gestellt, bei Gelegenheit auf das Thema zurück zu kommen. Danke.